
Frida und die sprechende Mango
Ein modernes Märchen aus Panama
Frida hatte Haare wie ein Sonnenaufgang, wild und fröhlich, genau wie sie selbst. Ihre Locken sprangen bei jedem Schritt, und ihre Augen funkelten, als trügen sie kleine Sonnen darin. Sie lebte mit ihrer Mama in einer kleinen Hütte am Rand des Dschungels, nicht weit vom großen Fluss, der sich durch Panama schlängelte wie ein schlafender Drache. Frida war sieben – oder fast sieben – und das bedeutete, dass sie jeden Tag auf Entdeckungsreise ging. So war das hier üblich.
An diesem Morgen wachte sie auf, weil ein Vogel durch ihr Fenster rief: „Komm raus, komm raus, es ist Mangozeit!“ Der Ruf war so deutlich, dass Frida beinahe antwortete. Stattdessen schlüpfte sie aus dem Bett, schnappte sich ihre Latzhose, ein altes Fernglas, das sie vom Markt hatte, und einen großen Strohhut. Sie nahm noch ein Stück Süßbrot mit, das Mama ihr gebacken hatte, und stapfte barfuß hinaus. Der Tau glitzerte auf dem Gras wie kleine Sterne, und die Welt roch nach Erde, Sonne und Abenteuer.
Sie wollte gerade um die große Bananenstaude biegen, als sie es hörte: ein leises „Psst!“
Frida blieb stehen. Nur der Wind rauschte.
„Hier unten!“ flüsterte es wieder.
Sie schaute auf den Boden – und da lag eine Mango. Eine ganz normale Mango eigentlich. Gelb mit einem roten Bauch. Aber… sie hatte ein Gesicht. Zwei winzige Augen, eine etwas scheppe Nase und einen Mund, der sich jetzt zu einem Lächeln verzog.
„Du kannst sprechen?“ fragte Frida. „Ich bin Mangolino, der Botschafter der Bäume!“ sagte die Frucht mit einem feinen Bogen in der Stimme.
„Botschafter?“ fragte Frida. „Das ist aber ein sehr wichtiges Wort für eine Frucht.“ Mangolino seufzte tief. „Und trotzdem hört mir niemand zu. Deshalb brauche ich dich, Frida.“
Frida setzte sich neben ihn ins Gras. „Ich höre dir zu.“ „Die Tiere im Dschungel sind in Aufruhr“, erklärte Mangolino. „Der große Baum der Wünsche ist krank. Er steht tief im Wald, wo die Nebel wohnen. Wenn er seine Blätter verliert, hören die Träume auf. Alle.“ „Alle?“ flüsterte Frida. „Auch meine?“ Mangolino nickte. „Vor allem deine.“
Das konnte Frida natürlich nicht zulassen. Also schnappte sie sich Mangolino, setzte ihn vorsichtig in ihre Hosentasche und rief: „Dann los! Zeig mir den Weg, du sprechende Mango!“
Der Weg in den Nebelwald war lang. Erst mussten sie über eine wackelige Hängebrücke, die über ein knallgrünes Tal führte, in dem Tukane flogen. Dann durch ein Bambusdickicht, wo Frida beinahe auf einen schlafenden Leguan trat, der grummelnd die Augen aufschlug und dann doch weiterschlief. Schließlich erreichten sie einen dichten Nebel, so dick, dass man kaum die eigenen Zehen sah.
„Halt dich gut fest“, sagte Mangolino. „Woran?“ „An deiner Fantasie.“
Und so lief Frida weiter, mit klopfendem Herzen, aber ohne Angst. Denn wer eine Mango zum Freund hat, hat keine Zeit für Angst.
Der Nebel war kalt und roch nach Pfefferminze. Aus dem Dunst tauchten riesige Farnblätter auf, bunte Frösche quakten wie Trompeten, und irgendwo sang ein unsichtbarer Vogel eine Melodie, die Frida das Herz wärmte.
Plötzlich lichtete sich der Nebel – und da stand er:
Ein riesiger Baum mit einem Stamm so breit wie ein Elefant, und Ästen, die bis in den Himmel griffen. Doch seine Blätter waren grau. Einige fielen wie leise Tränen zu Boden.
„Er verliert sein Leuchten“, sagte Mangolino traurig. Frida trat näher. „Was braucht er?“ „Eine Erinnerung. An etwas Schönes. An einen Wunsch.“
Frida überlegte. Dann lächelte sie.
Sie schloss die Augen, dachte an den Tag, als ihre Mama ihr eine Sternenkarte schenkte, weil Frida den Himmel so liebte. Und daran, wie sie sich heimlich wünschte, eines Tages die Sterne zu besuchen. „Ich wünsche mir“, flüsterte sie, „dass niemand vergisst, wie schön es ist, zu träumen.“
Ein Licht schimmerte. Erst blass, dann heller. Der Baum begann zu leuchten – nicht laut, nicht grell, sondern wie ein Feuer im Herzen.
Die grauen Blätter wurden grün. Und rot. Und golden. Vögel sangen, irgendwo jubelte ein Faultier. Mangolino kullerte einmal um sich selbst und lachte.
„Du hast es geschafft“, sagte er leise. „Danke, Frida.“
Als sie zurück nach Hause kam, roch es nach Kakao. Mama stand in der Küche und lachte, als Frida ihr von Mangolino erzählte.
„Eine sprechende Mango? Wirklich?“ „Natürlich!“ sagte Frida. „Und wo ist sie jetzt?“ Frida zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich auf dem Weg zu einem neuen Abenteuer.“
Sie legte den Kopf auf den Tisch, trank ihren Kakao und träumte.
Und irgendwo – ganz weit weg – fiel gerade eine Mango vom Baum.
Vielleicht die nächste.
Ende? Glaube ich nicht,
