Kapitel 1
Ein Brief, der besser nie angekommen wäre
Malwine Morgenroth war ein ganz normales Mädchen. Das dachte sie zumindest. Ihre Eltern dachten das nicht. Ihre Lehrer auch nicht. Und selbst der Postbote hatte schon mal gefragt, ob mit ihr alles in Ordnung sei, nachdem sie ihm versehentlich die Tür mit Gedankenübertragung vor der Nase zugeschlagen hatte.
Sie hatte sich nie viel dabei gedacht. Manche Menschen sind sportlich. Manche musikalisch. Und manche, wie Malwine, konnten eben Glühbirnen platzen lassen, wenn sie niesen mussten.
Das Problem war nur: Sie war gegen nahezu alles allergisch. Besonders gegen Überraschungen.
Und so kam es, dass an einem verregneten Dienstagmorgen im August, als sie gerade dabei war, ihren Kakao mit Senf zu verwechseln (eine lange Geschichte), ein Brief durch das Fenster flog. Wörtlich. Er schlug nicht auf, er landete sanft auf ihrem Kopf und kitzelte ihr die Stirn.
Der Umschlag war aus einer Art Papier, das nach Bratensoße roch. Darauf stand:
An Fräulein Malwine Morgenroth
„Nicht besonders begabt, aber irgendwie besonders.“
Zweite Etage, Zimmer mit dem Fleck an der Decke
Kein Absender.
Sie riss den Umschlag auf. Innen lag ein Brief aus durchscheinender Pappe mit folgender Nachricht:
„Herzlichen Glückwunsch! Sie wurden an der Akademie der fragwürdig Begabten aufgenommen. Bitte erscheinen Sie spätestens gestern. Sollte das nicht möglich sein, ist morgen auch in Ordnung. Bitte bringen Sie Folgendes mit: eine Socke, die nicht zu Ihnen gehört, ein halbvolles Marmeladenglas, ein Geheimnis, das niemand kennt, und gute Laune. Die ist optional, aber empfohlen.“
Malwine starrte auf den Brief. Dann nieste sie. Der Toaster explodierte.
Die Abreise
Ihre Eltern waren wenig überrascht. „Endlich nimmt dich jemand!“, sagte ihre Mutter, während sie eine Socke aus der Waschmaschine fischte. „Du warst schon immer ein bisschen… anders.“
„Ich hab mal mit einer Wand diskutiert,“ sagte Malwine, „und sie hatte bessere Argumente als Mathelehrer Schröder.“
„Das erklärt den Elfer in Mathe,“ sagte ihr Vater, „und dass du mit dem Brotkasten befreundet bist.“
Wenige Stunden später stand Malwine mit einem Koffer, der sich weigerte, sich rollen zu lassen, am Bahnhof. Ein Mann mit Fliege und Bratpfanne (kein Scherz) wartete am Gleis.
„Malwine Morgenroth? Ich bin Herr Ziegel,“ sagte er. „Ihr Begabten-Beauftragter.“
„Sind Sie der Koch?“
„Nein. Ich bin der Direktor. Die Bratpfanne ist mein Haustier.“
Die Ankunft an der Akademie
Die Akademie lag nicht in einem Schloss. Auch nicht in einem verwunschenen Wald. Sondern auf einem stillgelegten IKEA-Parkplatz, der aus unerklärlichen Gründen in der Luft schwebte. Ein Schild am Eingang lautete:
„Willkommen in der Akademie der fragwürdig Begabten. Bitte nicht anfassen. Auch sich selbst nicht.“
Das Eingangstor war aus Ziegelsteinen. Es war verschlossen.
„Warum geht das Tor nicht auf?“, fragte Malwine.
„Weil es dich nicht leiden kann,“ sagte Herr Ziegel.
„Es ist ein Tor!“
„Und du bist ein Mädchen mit prophetischem Niesen. Da ist noch Luft nach oben.“
Malwine seufzte. „Was jetzt?“
„Du musst es überzeugen. Denk an etwas Fragwürdiges.“
Malwine dachte. Und dachte. Dann sagte sie: „Ich hab mal versehentlich den Hamster meiner Nachbarin in die Mikrowelle teleportiert.“
Das Tor ratterte. Es öffnete sich. Langsam. Knarrend. Missbilligend.
„Willkommen,“ sagte Herr Ziegel. „Du wirst dich hier schnell… eingewöhnen. Oder auch nicht. Beides ist normal.“
Malwine trat durch das Tor.
Im Hof explodierte gerade ein Gewächshaus. Zwei Lehrer jagten einem Kaktus mit Flügeln hinterher.
Sie grinste.
„Ich glaube, ich bin zu Hause.“
