
Gate „Zwischenräume“
1
Das Flugzeug stand. Nicht so, wie Flugzeuge sonst stehen, wenn ein Koffer herrenlos über das Rollfeld irrt oder ein Gewitter den Himmel zusammenfaltet. Es stand so still, dass sogar die Turbinen das Atmen vergaßen. Elin klebte mit der Stirn am Fenster und zählte die Lichter der Stadt wie Sternbilder: Bäckerei-Orion, Döner-Kassiopeia, Laternen-Galaxie. Unten schimmerte die Startbahn wie ein eingerollter Gedanke.
„Technische Störung“, knisterte die freundliche Bordstimme, als wäre sie ein müder Lehrer. „Wir danken für Ihre Geduld.“
Geduld hatte Elin eigentlich wenig übrig – schon gar nicht heute. Oma wartete mit Apfelpfannkuchen, und die wurden in diesem Haus nur perfekt, wenn exakt um 18:07 der Zimtregen begann. Außerdem wollte Elin etwas zeigen: eine kleine Messingmünze, die sie vor dem Boarding gefunden hatte. Eingraviert standen zwei krakelige Wörter: Zwischen Räume.
Das „Ping!“ der Anschnallzeichen verstummte. Die Tür vorne öffnete sich – nicht zum Fingersteig, sondern ins Dämmerblau. Draußen hing ein schmales, freistehendes Rollfeld-Gate mit einem Schild, als hätte es jemand gerade eben dorthin gedacht:
„Gate: Zwischenräume. Ein- und Ausstieg auf eigene Verantwortung.“
Elin steckte die Münze in die Jackentasche, stand auf und tat das, was sie am besten konnte, seit sie laufen konnte: losgehen.
2
Die Luft roch nach Kerosin, Pfefferminz und Regen. Ein kurzer Steg führte zu einer Halle, die in keinem Terminalplan stand. Es war eine Art Transit-Bahnhof, aber für Dinge, die Flughäfen sonst nicht abfertigen. Statt Duty-Free gab es Tauschkästen: kleine Holzschränke mit Messingschubladen, beschriftet mit Dingen, die man anderswo nicht aufgeben kann.
ZEIT FÜR SPÄTER
MUT FÜR GLEICH
WORTE FÜR DANACH
VERGESSEN FÜR FRIEDEN
Hinter dem Schalter stand ein Mann mit einer Weste voller Taschen – mehr Taschen als Geheimnisse in einer Familiengeschichte. Sein Haar war so grau wie die gute Seite eines Gewitters. Auf dem Namensschild: Herr Kork.
„Sie sind früh“, sagte er, ohne aufzusehen. „Oder zu spät. In den Zwischenräumen verwechselt man das gern.“
„Ich wollte eigentlich nur zu meiner Oma nach Hause“, sagte Elin.
„Dann haben Sie sich verirrt – oder gefunden.“ Herr Kork lächelte schief. „Heute im Angebot: eine Stunde Mut zum Preis eines flüchtigen Zweifels.“
„Ich hab kein Geld.“
„Wir nehmen alles außer Münzen“, sagte er. „Was haben Sie denn?“
Elin zeigte die Messingmünze. Herr Kork beugte sich vor. Seine Augen wurden rund. „Ein Stationspfand, alte Serie. Damit darf man einmal fragen, was man sonst nicht fragt.“
„Und was wäre das?“
„Was ist Ihnen so wichtig, dass Sie dafür etwas abgeben würden, das nie mehr zu Ihnen zurückfliegt?“
Elin dachte an Oma, an den Zimtregen, an Geschichten, die seit kurzem manchmal stolperten. „Ich möchte, dass Oma die Geschichte von Mama wieder erzählen kann. Die vom Sommer ohne Strom, als wir auf dem Balkon geschlafen haben.“
Herr Kork nickte. „Geschichten lassen sich leihen, wenn man Zeit als Zins gibt.“
„Wie viel?“
„Eine Stunde von heute. Und eine Erinnerung, die Ihnen piksig ums Herz wird.“
Elin atmete. „Die, in der Mama ins Flugzeug stieg.“
„Das reicht“, sagte Herr Kork sanft. „In den Zwischenräumen geht nichts verloren. Es wechselt nur den Sitzplatz.“
„Wie funktioniert’s?“
„Flugsteig Drei. Gleich startet der Shuttle nach ‚Erinnert sich gleich wieder‘.“
3
Flugsteig Drei sah aus wie ein Wohnzimmer mit Sicherheitsbriefing: Sofas in Reihen, eine Stehlampe mit Herzschalter, Teetassen in den Klapptischen. Die Kabine war an beiden Seiten Fenster – und draußen flog nicht die Stadt vorbei, sondern Bilder: eine falsch herum angezündete Geburtstagstorte, jemand, der im Konfettiregen weinte, ein Hund, der eine Zeitung zerriss, auf der stand, dass irgendetwas zu Ende geht.
Auf dem Nachbarsitz strickte eine Frau. Das Garn schimmerte, als hätte sich Mondlicht darin verheddert. „Zum ersten Mal?“, fragte sie.
„Ja.“
„Keine Angst“, sagte sie. „Die Zwischenräume sind gnädig, wenn man mit offenen Taschen reist.“
Ein sanftes Ruckeln. Ein zartes „Ping“.
„Nächster Halt: Erinnert sich gleich wieder“, sagte eine Stimme, müde wie ein Gedichtband.
4
Als Elin ausstieg, stand sie vor ihrer Wohnungstür. 19:07. Die Apfelpfannkuchen waren längst gegessen. Im Treppenhaus roch es nach Kartoffeln, Post und müden Socken. Elin schloss auf.
Oma saß am Küchentisch, Hände um eine Teetasse, neben sich das Notizbuch, in das sie seit Neuestem „Freitag, Blumen gegossen“ und „Elin, Lieblingsmensch“ schrieb. Als Elin eintrat, wurden Omas Augen hell.
„Weißt du noch“, begann sie ohne Aufforderung, „als der Strom ausfiel und wir alle auf dem Balkon schliefen?“
Elin nickte – ein Nicken, das gleichzeitig Ja und Danke bedeutete.
„Dein Onkel hat gegrillt, die Sterne hatten plötzlich Zeit, und deine Mama hat das Pfeiflied gesungen. Du hast nur Luft geholt und behauptet, das sei die zweite Stimme.“ Oma lachte leise. „Ich habe an diesem Abend nicht an morgen gedacht.“
Elin trat näher. „Du erinnerst dich!“
„Manchmal muss man Erinnerungen nur wiederfinden“, sagte Oma. „Wie alte Knöpfe in einer Schublade.“
„Apfelpfannkuchen um 19:10 sind übrigens auch gut“, fügte sie hinzu. „Heute ohne Zimtregen, aber mit Puderzucker-Schnee.“
Elin wollte von Gate „Zwischenräume“ erzählen – vom Shuttle, von Herrn Kork, von der Messingmünze. Da merkte sie, dass in ihrem Kopf eine weiße Stelle flimmerte: dort, wo das Bild von Mama am Gate gestanden hatte. Es tat nicht weh. Es war nur… weit.
Sie strich mit dem Daumen über die Münze. Warm. Schwer. Tröstlich.
5
Nachts schrieb Elin in ihr „Wichtigkeiten“-Heft:
„Heute habe ich eine Stunde verloren und eine Geschichte gewonnen. Tauschgeschäft geglückt.“
Auf die nächste Seite schrieb sie die Balkon-Nacht so genau wie möglich: die kippelige Pfütze im Blumentopf, Mamas schiefes Pfeifen, die Mückenspirale, die Waden grillte. Der weiße Fleck bekam einen Rahmen – nicht zugedeckt, aber umarmt.
Da machte es Ping. Das leise Bordsignal aus dem Nichts. Auf dem Fensterbrett lag ein kleines Päckchen in braunem Papier, verschnürt mit einer Kordel, die sich anfühlte wie der Griff einer Tüte voller Zitronen. In krakeliger Schrift:
„Für später.
– Kork“
Innen: eine Sanduhr, in der keine Körnchen, sondern winzige Buchstaben rieselten. Oben stand „Wenn’s mal eng wird“. Unten: „Nein sagen ist auch Magie“.
Elin stellte sie neben das Notizbuch. „Gute Nacht, Zwischenräume“, flüsterte sie.
Draußen heulte kurz ein Triebwerk auf – als hätte das Flugzeug nur geatmet.
6
In den Wochen danach lernte Elin, dass Zwischenräume überall auftauchen, wo Dinge kurz kippen: im Atemzug vor einem Streit; in der Sekunde, bevor man „Ja“ sagt, obwohl man „Ich muss überlegen“ meint; in der Pause zwischen zwei Lachern. Wenn sie die Münze rieb, hörte sie manchmal wieder das leise Ping.
Sie begann, Stunden zu sammeln – nicht auf einem Konto, sondern auf Zetteln. Jede Stunde Zuhören bekam einen Zettel. Jede Stunde, in der sie eine Frage stellte, die etwas löste, einen anderen. Wer Zeit brauchte – die Nachbarin mit Baby, der Paketbote mit Rücken, Oma an Puderzucker-Tagen –, bekam einen Zettel. Tausch gegen ein Lächeln, einen Tee, eine Geschichte.
Einmal legte sie einen Zettel in den Kasten „MUT FÜR GLEICH“ – und traute sich am nächsten Morgen, im Unterricht zu sagen, dass sie die Gedichtanalyse nicht verstanden hatte. Der Lehrer nickte, als hätte er genau darauf gewartet.
7
Als der Frühling kam, roch die Stadt nach nassem Holz, Brennnesseln und frisch aufgerissenen Eiswaffeln. Oma schrieb nicht mehr nur „Blumen gegossen“, sondern auch „Elins Lachen klang heute nach Pfannkuchen“ und „Wind war gut“. Lücken gab es noch – aber nun hatten sie Rituale: Puderzucker-Schnee, Balkon-Decken, Zimtregen auf Reserve.
Eines Nachmittags saß Elin auf einer Bank am kleinen Stadtteich und betrachtete die Messingmünze. Neben sie setzte sich Jonas aus der Schule – der, dessen Stimme vor großen Räumen scheu wurde.
„Komische Münze“, sagte er.
„Stationspfand“, sagte Elin. „Für Fragen, die man sonst nicht stellt.“
„Wie hört man auf, Angst vor morgen zu haben?“, fragte Jonas.
Elin sah auf das Wasser, das tat, was Wasser am besten kann: weiter. „Manchmal gar nicht“, sagte sie. „Manchmal leiht man sich eine Stunde Mut. Und manchmal hilft es, wenn jemand neben einem sitzt und nichts reparieren will.“
„Hast du gerade Zeit?“, fragte Jonas leise.
Elin lächelte. „Ich hab sogar eine übrig.“
Die Münze in ihrer Hand wurde warm. Irgendwo machte die Welt ein kleines Ping.
Und der Tag, eben noch zu groß, passte plötzlich in eine Hosentasche.
