Nora fand den Koffer auf Gleis acht, zwischen einem kaputten Fahrkartenautomaten und einer Bank, auf der nie jemand saß. Er war aus grünem Leder, trug keine Adresse und war überraschend warm. Als sie ihn öffnete, stieg ein Sonnenaufgang heraus.
Nicht bloß Licht. Ein ganzer Morgen entfaltete sich über dem Bahnsteig: Nora saß in einem Haus am Meer, trank Kaffee und schrieb in ein dickes Buch. Dann klappte der Koffer von selbst zu, und der Bahnhof war wieder grau.
Im Fundbüro erklärte man ihr, der Koffer stehe seit mindestens vierzig Jahren nicht im Verzeichnis. Nora nahm ihn mit. Zu Hause öffnete sie ihn erneut. Diesmal sah sie sich in Tokio zwischen leuchtenden Reklamen. Beim dritten Öffnen leitete sie eine Schule auf dem Land. Der Koffer enthielt mögliche Morgen – Leben, die hätten beginnen können, wenn Nora an irgendeiner Kreuzung anders abgebogen wäre.
Sie war fasziniert. Jeden Abend sah sie sich eine neue Zukunft an. In einer war sie berühmt, in einer reich, in einer Mutter von vier Kindern. Manche Morgen waren traurig: ein Krankenhauszimmer, eine leere Wohnung, ein Streit, der nie beigelegt wurde. Aber selbst die traurigen Möglichkeiten wirkten vollständiger als ihr wirkliches Leben, in dem sie Rechnungen prüfte und seit Jahren sagte, sie werde „bald“ etwas ändern.
Nach einigen Wochen bemerkte Nora, dass die echten Morgen blasser wurden. Kaffee schmeckte nach Wasser. Vögel sangen nur noch in den Möglichkeiten. Der Koffer ernährte sich von ihrer Gegenwart.
Sie brachte ihn zurück zum Bahnhof. Auf der unbenutzten Bank saß nun ein Kind mit einer roten Mütze. „Du musst einen Morgen herausnehmen“, sagte es. „Sonst nimmt der Koffer alle.“
„Welchen soll ich wählen?“
„Keinen fertigen. Die fertigen gehören Menschen, die du nicht geworden bist.“
Ganz unten fand Nora einen Morgen ohne Bild. Nur kühle Luft, ein unbeschriebenes Blatt und das Geräusch eines anfahrenden Zuges. Sie griff hinein. Der leere Morgen legte sich wie ein heller Schal um ihre Schultern. Der Koffer wurde kalt.
Am nächsten Tag kündigte Nora nicht sofort ihre Arbeit und zog auch nicht ans Meer. Sie tat etwas Kleineres und Schwierigeres: Sie stand eine Stunde früher auf und schrieb die erste Seite ihres Buches. Am zweiten Morgen schrieb sie die nächste. Später nahm sie weniger Arbeitsstunden, dann eine Zugfahrkarte an die Küste. Ihr Leben verwandelte sich langsam, ohne Musik und ohne Garantie.
Den grünen Koffer ließ sie auf Gleis acht zurück. Jahre später sah sie dort einen Mann, der ihn gerade öffnen wollte. Nora setzte sich neben ihn und sagte: „Schauen ist erlaubt. Aber vergessen Sie nicht, dass ein Morgen erst dann Ihrer wird, wenn Sie darin aufstehen.“

