Ein kleiner Laden voller Gläser mit golden leuchtendem Mut

Der kleine Laden für verlorenen Mut

Der Laden lag zwischen einer Wäscherei und einem Schlüsseldienst. Im Fenster standen Gläser, in denen goldene Funken schwebten. Über der Tür hing ein Schild: „Verlorener Mut – Rückgabe gegen Eigentumsnachweis.“

Leonie trat ein, weil sie am nächsten Morgen vor hundert Menschen sprechen sollte. Der Ladenbesitzer, Herr Klee, trug eine Lupe am rechten Auge. „Wann haben Sie Ihren Mut verloren?“

„Vielleicht in der Schule. Bei einem Referat haben alle gelacht.“

Herr Klee führte sie zu einem Regal. Dort standen Gläser mit Mut, der in Klassenzimmern, Krankenhäusern, Vorstellungsgesprächen und dunklen Kellern verloren gegangen war. Leonie erkannte ihres an einem leisen Geruch nach Kreide.

Sie öffnete das Glas. Der goldene Funke sprang in ihre Brust. Sofort fühlte sie sich unbesiegbar. Sie widersprach einem unfreundlichen Busfahrer, sang auf der Straße und kündigte beinahe ihre Arbeit. Herr Klee fing sie an der Tür ab.

„Das ist nicht Ihr Mut“, sagte er. „Sie haben nur das Glas erkannt, nicht den Inhalt.“

Der Funke gehörte einem Kind, das keine Gefahr kannte. Für eine erwachsene Frau war er zu wild. Herr Klee nahm ihn zurück.

Sie probierten andere Sorten. Soldatenmut war zu schwer, Bühnenmut zu laut, der Mut eines Dreijährigen führte dazu, dass Leonie alles selbst machen wollte. Keiner passte.

„Dann habe ich wohl keinen“, sagte sie.

Herr Klee stellte ein leeres Glas auf den Tresen. „Mut wird nicht gefunden. Er entsteht, wenn man etwas trotz Angst tut. Wir bewahren nur die Reste auf.“

Leonie kaufte das leere Glas. Am nächsten Morgen nahm sie es mit zum Vortrag. Ihre Hände zitterten. Beim ersten Satz versagte die Stimme. Sie sah hundert Gesichter und wollte fliehen. Dann sprach sie den zweiten Satz.

Mit jedem Wort erschien ein kleiner goldener Funke im Glas. Nach dem Vortrag war es halb voll. Niemand klatschte begeistert, aber einige stellten gute Fragen. Leonie war stolz wie nach einem Bergaufstieg.

Sie brachte das Glas zu Herrn Klee. „Jetzt können Sie meinen Mut aufbewahren.“

„Warum sollten Sie ihn abgeben?“

Leonie behielt das Glas. In den folgenden Jahren füllte es sich und wurde wieder leer. Mut, lernte sie, war keine feste Menge. Er wurde verbraucht und wuchs nach.

Als Herr Klee in Pension ging, übernahm Leonie den Laden. Sie änderte das Schild: „Mut zum Mitnehmen – leere Gläser kostenlos.“ Die alten Funken bewahrte sie weiterhin auf. Manchmal braucht ein Mensch eine geliehene Spur, um zu beginnen. Aber den passenden Mut muss am Ende jeder selbst erzeugen.