Rafael malte Türen auf kahle Wände. Sie waren so wirklich, dass Tauben davor abbremsten. Wer die Klinke berührte, konnte für einen Augenblick sehen, welche Möglichkeit er vergessen hatte.
Die erste Tür malte Rafael für eine Apothekerin, die früher Tänzerin werden wollte. Dahinter sah sie ein Studio, ihren gealterten Körper vor einem Spiegel und eine Gruppe Kinder, denen sie das Tanzen beibrachte. Sie kündigte nicht in der Apotheke, aber sie mietete sonntags einen Saal.
Bald bestellten Menschen Türen. Eine grüne für eine versäumte Reise, eine blaue für eine nie ausgesprochene Liebe, eine winzige für den Wunsch, wieder Modelleisenbahnen zu bauen. Rafael erklärte immer: „Die Tür zeigt nur. Durchgehen müsst ihr in dieser Welt.“
Eines Nachts malte jemand eine schwarze Tür an Rafaels eigenes Haus. Die Linien waren unbeholfen, aber die Klinke glänzte. Dahinter sah Rafael seinen Sohn Daniel, mit dem er seit elf Jahren nicht gesprochen hatte. Der Streit war alt und so oft erzählt, dass Rafael nicht mehr wusste, welcher Teil wahr war.
Er übermalte die Tür. Am nächsten Morgen war sie wieder da. Er strich Putz darüber, hängte ein Regal davor, stellte schließlich einen Schrank in den Flur. Die schwarze Farbe sickerte durch alles.
„Man kann Möglichkeiten nicht für andere malen und die eigene Wand leer lassen“, sagte seine Nachbarin.
Rafael berührte die Klinke. Diesmal zeigte die Tür keine glückliche Versöhnung. Er sah ein unbeholfenes Treffen, lange Pausen und Daniels berechtigte Wut. Vielleicht würden sie sich niemals wieder nah sein. Die Möglichkeit bestand nur darin, zuzuhören.
Rafael nahm den Zug. Daniel öffnete die Wohnungstür und wollte sie sofort schließen. Rafael sagte: „Ich bin nicht hier, damit du mir verzeihst. Ich möchte endlich hören, was ich damals nicht hören wollte.“
Sie redeten drei Stunden. Es wurde nichts vollständig gut. Aber als Rafael ging, verabredeten sie ein weiteres Gespräch.
Die schwarze Tür verschwand. An ihrer Stelle blieb ein heller rechteckiger Fleck. Rafael malte nichts darüber.
Seine Türen wurden danach weniger schön, aber ehrlicher. Hinter ihnen lagen nicht mehr nur glänzende Leben, sondern auch Arbeit, Unsicherheit und Folgen. Manche Kunden waren enttäuscht. Andere dankbar.
Rafael malte bis ins hohe Alter. Seine letzte Tür führte nicht in eine verpasste Zukunft, sondern in einen gewöhnlichen Raum mit zwei Stühlen. Auf einem saß Daniel. Der andere war frei. Rafael nannte das Bild „Möglichkeit“ – obwohl kein Schild daneben hing und jeder Betrachter selbst entscheiden musste, ob die Tür offen war.

