Apotheker Varen schloss den Garten hinter seinem Haus mit drei Schlössern. Niemand durfte hinein, nicht einmal seine Lehrlinge. Salma hörte nachts Blätter rascheln und Stimmen flüstern. Im Jahr 1732 galt Neugier bei Lehrlingen nicht als Tugend. Salma besaß sie trotzdem.
Als Varen erkrankte, fand kein Arzt ein Mittel. Im Fieber nannte er Pflanzennamen, die in keinem Buch standen. Salma öffnete die Schlösser mit den Schlüsseln aus seiner Schürze.
Der Garten war größer als der ganze Häuserblock. Jedes Beet bewahrte Wissen einer Person, die Varen begegnet war: die Kräuterfrau aus den Bergen, ein Schiffskoch, eine Hebamme, ein Gärtner aus einem fernen Hafen. Berührte Salma eine Pflanze, hörte sie deren Erklärung. Manche Mittel halfen, andere waren gefährlich. Die Stimmen widersprachen einander.
Salma suchte nicht nach einem Wunderkraut. Sie verglich Hinweise, prüfte Dosierungen und erkannte, dass Varen an einer Vergiftung durch ein falsch gelagertes Metallgefäß litt. Eine einfache Mischung linderte seine Beschwerden, vor allem aber musste die Ursache entfernt werden. Langsam wurde er gesund.
Varen war zornig über das geöffnete Tor. Er hatte den Garten geheim gehalten, weil mächtige Leute seltenes Wissen für sich beanspruchen wollten. Salma entgegnete, eingeschlossenes Wissen könne ebenso verloren gehen. Viele Pflanzen welkten bereits, weil nur Varen ihre Stimmen kannte.
Sie fanden einen neuen Weg. Der Garten wurde nicht öffentlich, aber mehrere vertrauenswürdige Menschen durften lernen. Jede Rezeptur musste Herkunft, Unsicherheit und mögliche Gefahr nennen. Erfahrungen wurden nicht als unfehlbare Wahrheit behandelt, sondern sorgfältig geprüft.
Salma schrieb ein Gartenbuch. Darin standen nicht nur Mittel, sondern auch die Namen der Menschen, von denen das Wissen stammte. Varen hatte sie oft weggelassen. „Eine Pflanze wächst aus Boden“, sagte Salma. „Wissen wächst aus Leben. Beides braucht Herkunft.“
Jahre später leitete sie die Apotheke. Die drei Schlösser blieben am Tor, doch es gab nun mehrere Schlüssel. Im Garten entstanden neue Beete. Manche Pflanzen flüsterten vertraut, andere in Sprachen, die Salma erst lernen musste.
Besucher wunderten sich, warum im Schaufenster ein leeres Glas stand. Auf dem Etikett stand: Für das Heilmittel, das wir noch nicht kennen. Es erinnerte alle daran, dass Erfahrung kostbar war, Gewissheit jedoch niemals einfach aus einem geheimen Garten gepflückt werden durfte.

