Eine vergilbte Postkarte von 1899 liegt neben einem modernen Briefkasten und frischen Tintenflecken

Die Postkarte aus dem Jahr 1899

Die Postkarte lag zwischen Rechnungen und Werbung. Auf der Vorderseite zeigte sie den Marktplatz ihrer Stadt im Jahr 1899. Auf der Rückseite stand: Liebe unbekannte Bewohnerin der Zukunft, steht die alte Kastanie noch? Unterzeichnet hatte eine junge Frau namens Clara Bell.

Sofia hielt die Karte für einen Scherz. Die Briefmarke war echt, die Tinte alt. Am nächsten Tag schrieb sie eine Antwort und warf sie aus Neugier in den roten historischen Briefkasten vor dem Museum. Eine Woche später kam eine neue Karte.

Clara bedankte sich. Sie arbeitete in einer Druckerei und träumte davon, eigene Texte zu veröffentlichen. Frauen durften dort setzen und falten, aber selten schreiben. Sie wollte wissen, ob Menschen in Sofias Zeit freier seien.

Sofia wusste nicht, wie sie zwei Jahrhunderte in einen Satz fassen sollte. Sie schrieb von Fortschritten und offenen Problemen, von Büchern, Computern und Stimmen, die noch immer überhört wurden. Clara antwortete mit Berichten aus ihrem Alltag. Die Karten wurden zu einem Gespräch über Zeiten hinweg.

Dann kündigte Clara an, die Kastanie solle für einen Neubau gefällt werden. Sie wolle dagegen schreiben, fürchte aber ihre Stelle zu verlieren. Sofia ging zum Baum. Er stand noch auf dem Marktplatz, gewaltig und gesund. An seinem Stamm hing eine kleine Tafel: Gerettet durch den offenen Brief einer unbekannten Setzerin, 1899.

Sofia fotografierte die Tafel und schickte Clara das Bild. Wochenlang kam keine Antwort. Schließlich lag eine Karte im Briefkasten: Dann werde ich den Brief schreiben. Danke für den Beweis, dass eine Stimme weiter reichen kann als ihr eigener Tag.

Im Stadtarchiv fand Sofia später den offenen Brief. Er war nur mit C. B. unterzeichnet. Clara hatte danach eine kleine Zeitung gegründet und weitere Texte veröffentlicht. Nicht alle waren erhalten.

Sofia schrieb eine letzte Karte. Sie erzählte, dass Claras Name wiedergefunden worden war. Der rote Briefkasten nahm sie an, doch es kam keine Antwort. Vielleicht war die Verbindung beendet. Vielleicht hatte Clara erfahren, was sie wissen musste.

Unter der Kastanie steht heute eine neue Tafel mit ihrem vollständigen Namen. Daneben befindet sich ein Fach für Postkarten. Besucher schreiben Nachrichten an Menschen der Zukunft. Die meisten werden gewöhnlich zugestellt. Manchmal trägt eine Karte jedoch eine Briefmarke, die noch gar nicht gedruckt wurde.