Der Leuchtturm von Kap Mero schlief seit dem ersten Herbststurm. Sein Licht blieb dunkel, obwohl die Lampe heil war und genügend Öl im Tank lag. Wenn Lina das Ohr an die Mauer legte, hörte sie ein tiefes Schnarchen, das die Möwen von der Brüstung scheuchte.
Linas Mutter war Leuchtturmwärterin und versuchte alles: Sie polierte die Linsen, läutete Glocken und spielte Trompete. Nichts half. Schiffe mussten einen weiten Umweg fahren. Im Dorf hieß es, der Turm sei alt und müsse abgerissen werden.
In der dritten stürmischen Nacht hörte Lina im Schnarchen ein Wort: „Träume.“
Sie stieg bis zur Laterne hinauf. Unter der schlafenden Linse fand sie eine kleine Klappe. Dahinter war es leer. Früher, begriff Lina, hatte der Leuchtturm nicht nur Öl verbrannt. Er hatte von den Geschichten der Schiffe geträumt: fremde Häfen, Seeungeheuer, Heimkehr und Abschied. Seit moderne Schiffe schweigend an ihm vorbeifuhren, waren seine Träume ins Meer gefallen.
Lina nahm das kleinste Rettungsboot. Zwischen den Wellen schwammen leuchtende Bilder. Sie fing den Traum eines Matrosen, der nach zwanzig Jahren seine Tochter umarmte. Sie barg eine Erinnerung an fliegende Fische und eine Karte zu einer Insel, die nur bei Nebel existierte. Jeder Traum verwandelte sich in ihrer Hand in eine gläserne Murmel.
Der Sturm wurde stärker. Eine gewaltige Welle riss Lina das Ruder fort. Da tauchte unter dem Boot ein blauer Wal auf – vielleicht ein wirklicher Wal, vielleicht nur der Traum eines Kindes. Er trug sie bis zum Kap zurück.
Linas Mutter zog sie zornig und erleichtert aus dem Wasser. Gemeinsam schütteten sie die Murmeln durch die kleine Klappe. Der Leuchtturm seufzte. Dann öffnete sich sein Licht wie ein goldenes Auge. Der Strahl reichte weiter als je zuvor und malte Bilder über das Meer: Häfen, Wale, ferne Inseln.
Von da an mussten vorbeifahrende Schiffe dem Leuchtturm eine Geschichte senden. Die Kapitäne funkten Erlebnisse, Kinder malten Bilder, und alte Seeleute schickten Erinnerungen per Post. Lina sammelte alles in einem dicken Logbuch.
Der Turm schlief weiterhin manchmal ein, meistens an ruhigen Sonntagen. Dann ließ man ihn träumen. Denn Lina hatte verstanden, dass selbst ein Leuchtturm nicht immer nur den Weg für andere zeigen kann. Manchmal braucht auch er Bilder von Orten, die er niemals erreichen wird.

