Klara bemalte im Jahr 1778 Porzellanfiguren. Ihre Aufgabe war es, identische blaue Blumen auf identische weiße Kleider zu setzen. Fehler wurden abgeschliffen, Risse aussortiert. Eines Abends bewegte eine Figur den Kopf und sagte: „Bitte keine Rosen mehr.“
Klara ließ den Pinsel fallen. Das Porzellanmädchen sprang vom Sockel. Es hieß Mina, mochte grüne Blätter und hasste die steife Haltung, in die es geformt worden war. Bei jedem Schritt klirrte es leise.
Am nächsten Morgen sollte Mina geprüft werden. Eine lebendige Figur wäre entweder Wunder oder Diebstahl, wahrscheinlich beides. Klara versteckte sie in einem Korb. Mina wollte fliehen, doch draußen war der Boden hart und jedes Stolpern gefährlich.
Klara versuchte, die Figur wieder reglos zu machen. Sie malte Rosen, glättete Unebenheiten und setzte Mina auf den Sockel. Je vollkommener sie aussah, desto blasser wurde ihre Stimme. Schließlich rief Mina: „Ich möchte lieber einen Riss als gar keine Wahl.“ Sie sprang vom Tisch. Ein feiner Sprung zog sich über ihr Kleid.
Klara erschrak, doch Mina lächelte zum ersten Mal. Gemeinsam füllten sie den Riss mit einer goldfarbenen Mischung. Danach malte Klara wilde grüne Zweige darüber. Bei der Prüfung erklärte sie, die Figur sei ein Einzelstück über die Schönheit sichtbarer Reparaturen.
Der Werkmeister war empört. Eine wohlhabende Besucherin hingegen wollte Mina sofort kaufen. Die Figur flüsterte Klara zu, dass sie nicht in einer Vitrine enden wolle. Klara behauptete, das Stück sei unverkäuflich, und riskierte ihre Stelle.
Der Werkmeister versetzte sie in die Abteilung für Ausschuss. Dort durfte Klara beschädigte Stücke prüfen. Sie begann, kleine Fehler nicht zu verstecken, sondern mit Mustern zu betonen. Ihre Arbeiten fanden unerwartet Liebhaber. Kein Stück glich dem anderen.
Mina lebte in Klaras Werkstatt und bewegte sich nur nachts. Mit den Jahren kamen weitere beschädigte Figuren hinzu. Sie bildeten eine kleine, klirrende Gesellschaft, in der fehlende Finger und schiefe Hüte niemanden störten.
Nach Klaras Tod fand man Mina auf dem Arbeitstisch. Sie war wieder still. Der goldene Riss glänzte. Auf dem Sockel stand: Vollkommenheit bewahrt eine Form. Ein sichtbarer Bruch erzählt, dass etwas trotzdem weiterging.

