Im Innenhof eines verlassenen Palastes in Sevilla stand ein Brunnen, der angeblich Wünsche erfüllte. Lucía fand ihn während der Vermessung des Gebäudes. Sie war Architektin und sollte den Palast in ein Luxushotel verwandeln. Unter den blauen Fliesen entdeckte sie eine Inschrift: „Wünsche zuerst sehen, dann wählen.“
Lucía warf eine Münze hinein und wünschte sich Erfolg. Das Wasser wurde glatt. Darin sah sie das fertige Hotel, Preisverleihungen und ihren Namen in Zeitschriften. Dann wechselte das Bild. Alte Mieter aus der Nachbarschaft mussten gehen, kleine Läden schlossen, und der Innenhof wurde nur noch Gästen zugänglich.
Der Brunnen zeigte nicht die Erfüllung, sondern den vollständigen Preis eines Wunsches.
Am nächsten Tag brachte Lucía ihren Bruder Mateo mit. Er wünschte sich, seine kranke Tochter möge gesund werden. Im Wasser sahen sie das Mädchen laufen und lachen. Der Preis war nicht ihr Leben, wie Mateo befürchtete, sondern seine Angst. Er musste aufhören, sie wie ein zerbrechliches Gefäß zu behandeln. Mateo weinte vor Erleichterung.
Bald kamen andere Menschen. Eine Sängerin sah, dass Ruhm ihre Anonymität kosten würde. Ein Mann wollte Reichtum und erkannte, wie viele Jahre Arbeit er dafür opfern müsste. Manche warfen ihre Münze trotzdem. Andere nahmen sie zurück.
Lucía kehrte allein zurück. Sie wünschte sich nun, den Palast zu retten, ohne die Nachbarschaft zu verdrängen. Das Wasser blieb lange dunkel. Dann zeigte es Werkstätten, bezahlbare Wohnungen, ein kleines Hotel und einen öffentlichen Garten. Der Preis war ihre Karriere im großen Architekturbüro. Der Investor würde sie entlassen.
Lucía saß bis zum Morgen am Brunnen. Schließlich warf sie die Münze hinein.
Es geschah kein Wunder. Sie musste Pläne zeichnen, Verbündete finden, mit der Stadt verhandeln und fast zwei Jahre kämpfen. Sie verlor tatsächlich ihre Stelle. Doch ein Zusammenschluss aus Bewohnern kaufte den Palast. Das Projekt wurde kleiner und schöner als jeder Luxusentwurf.
Der Brunnen blieb im öffentlichen Innenhof. Lucía ließ die Inschrift sichtbar. Touristen werfen noch immer Münzen hinein. Manche behaupten, nichts gesehen zu haben. Vielleicht wünschen sie nicht ehrlich. Vielleicht zeigt der Brunnen nur Preise, die Menschen bereit sind, wirklich zu betrachten.
Jeden Abend sammelt ein Hausmeister die Münzen ein und finanziert damit den Garten. Lucía findet das passend. Ein Wunsch, sagt sie, beginnt nicht dort, wo die Welt sich für uns verändert. Er beginnt dort, wo wir entscheiden, welchen Teil der Veränderung wir selbst tragen.

