Eine Hüterin in einem Archiv voller leuchtender Wörter und ein neugieriges Kind

Die Hüterin der stillen Wörter

Unter der Stadtbibliothek lag ein zweites Archiv. Dort bewahrte Salome Wörter auf, die niemand mehr benutzte. Manche waren alt und prächtig, andere klein und unscheinbar. Sobald ein Wort zum letzten Mal gesprochen wurde, erschien es als Papierstreifen in ihrem Postfach.

Salome sortierte „Labsal“ neben „Sommerfrische“ und legte „Fernweh“ vorsichtshalber in die Abteilung der gefährdeten Wörter. Sie glaubte, ihre Arbeit müsse geheim bleiben. Dann entdeckte der neunjährige Timo die Kellertür.

„Warum sperren Sie Wörter ein?“

„Ich rette sie.“

Timo betrachtete die Regale. „Gerettete Wörter, die niemand sagt, sind doch trotzdem still.“

Er nahm einen Papierstreifen aus einer offenen Schachtel. Darauf stand „Mitgefühl“. Salome erschrak. Dieses Wort durfte noch nicht hier sein. Es wurde täglich gedruckt und in Reden verwendet.

„Vielleicht sagen es die Menschen“, meinte Timo, „aber sie benutzen es nicht mehr richtig.“

Der Papierstreifen wurde blasser. Wenn er verschwand, würde nicht nur das Wort verloren gehen, sondern auch die Fähigkeit, seine Bedeutung zu erkennen.

Salome und Timo trugen es nach oben. Sie versuchten, Passanten zum Aussprechen zu bringen. Die Leute wiederholten „Mitgefühl“, doch der Streifen blieb blass. Ein Wort lebt nicht durch Klang allein.

Vor der Bibliothek saß eine Frau mit nassen Schuhen und zwei schweren Taschen. Timo half ihr, ohne nach dem Grund zu fragen. Salome brachte Tee. Die Frau erzählte, sie habe gerade ihre Wohnung verloren. Andere Menschen blieben stehen. Einer telefonierte mit einer Unterkunft, eine andere schenkte trockene Socken.

Der Papierstreifen wurde warm. Dann löste er sich in goldene Buchstaben auf, die in die Stadt flogen.

Von da an änderte Salome ihre Arbeit. Sie archivierte Wörter nicht nur, sie verlieh sie. Schulen bekamen „Neugier“, Behörden „Augenmaß“, Familien manchmal „Verzeihung“. Jedes Wort musste durch eine passende Handlung zurückgegeben werden.

Timo wurde ihr Assistent. Er fand besonders viele gefährdete Wörter: „Muße“, „Zivilcourage“, „Zuhören“. Einige kehrten schnell zurück, andere blieben lange ausgeliehen.

Im Archiv gibt es noch immer stille Regale. Doch die Tür ist nicht mehr verschlossen. Wer ein vergessenes Wort braucht, darf es mitnehmen. Auf jedem Papierstreifen steht dieselbe Bedingung: „Nicht nur aussprechen.“ Salome sagt, das sei keine Grammatikregel. Es sei die einzige Möglichkeit, eine Sprache lebendig zu halten.