Als sie die Treppe aus dem Keller hinaufstiegen, war das Knarren der alten Stufen lauter als zuvor. Jeder Schritt hallte wie ein Warnsignal durch das dunkle Lagerhaus. Brummhardt führte die Gruppe, sein Stock tastete sich vorsichtig voran, doch er wirkte keineswegs schwach – eher wie jemand, der seine Kräfte für den richtigen Moment sparte.
Oben angekommen war die Halle leer. Keine Bewegung, kein Laut. Nur der Wind, der durch ein zerbrochenes Fenster fuhr, und das leise Schwingen einer rostigen Lampe an der Decke.
„Da war jemand hier“, flüsterte Saphira. Sie ging voraus, Nase am Boden, Körper gesenkt.
„Vielleicht war es auch nur…“ begann Trixie, doch ein seltsames Geräusch schnitt ihr das Wort ab. Ein dumpfer Schlag. Wie ein Sack, der zu Boden fällt. Irgendwo zwischen den Kisten.
„Da hinten!“ rief Basil und flitzte los. Lotte wollte ihn noch zurückhalten, doch da war er schon hinter einer der Säulen verschwunden.
Dann ein Kreischen. Keine Tierstimme – metallisch, zischend, wie ein Stück Eisen, das über Stein gezogen wird. Alle rannten los.
Hinter den Kisten fanden sie Basil keuchend auf dem Boden. Er zeigte nach oben. „Da… da war jemand. Kein Tier. Nicht wie wir. Eine Gestalt. Ganz in Schwarz. Mit… einem roten Hut.“
„Ein roter Hut?“ Lotte trat vorsichtig nach vorn. „Sicher?“
„Absolut“, japste Basil. „Der war da – und dann weg. Wie Rauch.“
Korax hob etwas vom Boden auf. Eine Feder. Glänzend. Dunkelrot.
„Diese ist nicht wie die silberne“, sagte er. „Sie ist… fremd.“
Brummhardt starrte die Feder lange an. Dann seufzte er. „Er weiß, dass ihr hier seid.“
„Wer ist ‚er‘?“ fragte Trixie.
„Der Schatten“, sagte Brummhardt. „Ein alter Gegner. Ein Sammler. Einer, der nicht vergisst. Und der glaubt, dass alles ihm gehört. Auch das, was längst verloren ist.“
Ein Moment lang war es still.
Dann flüsterte Korax: „Der, der unter Wasser lebt.“
Draußen hatte sich Nebel über den Fluss gelegt. Dichter, als es für diese Jahreszeit normal war. Die Lampen warfen Lichtkegel, die sich wie in Watte auflösten. Die Schnabelpfoten standen dicht beisammen, als sie das Lagerhaus verließen.
Brummhardt reichte Korax eine Karte – alt, gefaltet, an den Rändern ausgefranst. „Das ist ein Teil von Bellhausen, den es offiziell nicht mehr gibt. Ein vergessener Kanal, zugemauert. Aber unter der Stadt liegt mehr, als ihr glaubt.“
„Ein Tunnel?“ fragte Trixie.
„Ein ganzes Netz“, antwortete der Dachs. „Alte Schmugglerpfade. Aber jetzt… nutzt sie jemand anderes.“
Saphira spannte die Muskeln. „Dann sollten wir ihn finden.“
„Nicht unvorbereitet“, sagte Lotte. „Wir brauchen mehr Informationen. Und Verbündete.“
„Ich kenne jemanden“, meldete sich Korax. „Jemanden, der die dunklen Ecken kennt. Aber wir müssen ihn überzeugen.“
„Wer?“
Korax sah Lotte an. „Sein Name ist Grims. Eine Eule. Nachtwächter am alten Glockenturm. Und ein wandelndes Archiv.“
„Dann los“, sagte Lotte. „Bevor der Nebel sich ganz über uns legt.“
Der Weg zum Glockenturm war lang. Er führte durch das alte Viertel von Bellhausen, vorbei an verfallenen Theatern, stillgelegten Straßenbahnlinien und einem Platz, der nur noch auf alten Postkarten existierte. Der Nebel wurde dichter.
Unterwegs spürten sie es alle: Sie wurden beobachtet.
Zweimal glaubte Basil, eine Bewegung auf den Dächern gesehen zu haben. Einmal hörten sie ein leises Kichern – oder war es nur der Wind?
Am Turm angekommen, klopfte Korax mit dem Schnabel gegen das alte Holztor. Ein Mal. Zwei Mal. Dann ein langes, kratzendes Geräusch.
Das Tor öffnete sich. Dahinter: Grims. Eine große Schleiereule mit zerzaustem Gefieder, schiefem Blick und einer Brille auf dem Schnabel. Er sagte nichts. Drehte sich nur um und schwebte davon.
„Er spricht nicht viel“, flüsterte Korax. „Aber wenn er redet, zählt jedes Wort.“
Im Inneren des Turms hingen Seile, Zahnräder, Bücherregale – und ein riesiger Globus, der langsam rotierte. Grims setzte sich auf einen hölzernen Sockel und blickte die Schnabelpfoten an.
Dann sprach er. „Der Schatten hat die Federn wiederentdeckt.“
„Was weißt du darüber?“ fragte Lotte.
„Mehr, als ich sagen darf. Weniger, als ich wissen sollte.“
„Hilfst du uns?“
Grims blickte zu Korax. Die beiden Vögel tauschten einen langen, stillen Blick. Dann nickte Grims.
„Aber ihr müsst etwas für mich tun“, sagte er. „Etwas… Mutiges.“
„Was denn?“ fragte Basil.
Grims zeigte mit dem Flügel auf eine Falltür im Boden. „Dort unten. Ein Archiv. Ich habe es seit Jahren nicht betreten. Zu gefährlich. Zu lebendig.“
„Lebendig?“ fragte Saphira.
„Geister aus Papier“, flüsterte Grims. „Ihr werdet es sehen.“
Lotte trat nach vorn. „Dann steigen wir hinab.“
„Schnabelpfoten, auf in die Tiefe“, murmelte Korax. Und zum ersten Mal zitterte seine Stimme ein wenig.

