Die Schnabelpfoten – Folge 22: Das Flüstern im Farn – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 22: Das Flüstern im Farn

Noch bevor die Morgensonne den Nebel vom Waldboden vertrieben hatte, waren die Schnabelpfoten wieder unterwegs. Der alte Waschbär hatte ihnen einen Pfad beschrieben – verborgen, nur bei Sonnenaufgang zu erkennen, wenn das Licht durch die Baumkronen fiel und die Farnblätter mit silbernem Schimmer überzog.

„Das ist kein normaler Weg“, sagte Emil, während sie sich durch dichtes Grün schlugen. „Er existiert nur, solange man ihm glaubt.“

„Klingt wie eine Falle“, knurrte Saphira, trat aber entschlossen voran.

Die anderen folgten, und tatsächlich: Als die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen, begannen sich die Farne zu bewegen. Nicht im Wind, sondern zielgerichtet. Als ob sie Platz machten.

„Ich… glaub, sie mögen uns“, murmelte Basil und versuchte, einem hüfthohen Farnblatt die Pfote zu schütteln.

„Oder sie wollen, dass wir schnell weiterkommen“, sagte Trixie. „Bevor wir uns umentscheiden.“

Der Weg schlängelte sich bergab, tiefer in einen alten Teil des Waldes, der auf keiner Karte verzeichnet war. Moos wuchs in dicken Schichten über alles, und aus der Tiefe stieg ein stetiges Flüstern auf – mal wie Worte, mal wie Wind, mal wie Stimmen, die man fast verstand.

„Rosa?“ rief Emil einmal, doch keine Antwort kam.

Das vergessene Lager

Nach einer Stunde des Wanderns lichtete sich der Wald. Vor ihnen lag eine kleine Senke, in deren Mitte ein halb verfallenes Lager aufgebaut war. Zelte, Kisten, Feuerstellen – alles verlassen. Aber nicht leer.

„Das ist… Rosa’s Handschrift“, sagte Emil, als er ein Notizbuch aufhob. Es war feucht, aber lesbar.

„Wenn ich das hier zurücklasse, dann nur, weil ich zurückkommen will. Nicht aufgeben.“

Neben dem Buch lag ein kleiner, runder Spiegel. Lotte hob ihn auf – und zuckte zurück.

„Was hast du gesehen?“ fragte Korax.

„Mich. Und… den Schatten. Direkt hinter mir.“

„Vielleicht ein Trick“, sagte Trixie. „Oder eine Warnung.“

Doch Korax trat näher. „Nein. Das ist ein Echo. So wie der Schatten eines Blitzes nach dem Einschlag zurückbleibt. Es zeigt nicht die Gegenwart – sondern das, was war. Vielleicht auch das, was kommt.“

Saphira trat entschlossen neben Lotte. „Dann sollten wir vorsichtig sein. Aber nicht aufhören.“ Die Karte spricht

In der Mitte des Lagers war ein runder Stein eingelassen, mit Symbolen übersät. Der violette Stein in Lottes Tasche begann wieder zu leuchten.

„Leg ihn hinein“, sagte Emil.

Kaum hatte Lotte den Stein auf die Mitte gelegt, begannen die Symbole zu pulsieren. Linien glühten auf – und eine hologrammartige Karte erhob sich über dem Stein.

„Das ist… die untere Stadt“, murmelte Korax. „Die, die vor Jahrhunderten versiegelt wurde.“

„Und seht dort“, flüsterte Trixie. „Ein Punkt bewegt sich.“

„Rosa?“, hauchte Emil.

„Oder der Schatten“, sagte Saphira düster.

Doch Lotte trat einen Schritt näher. „Wir wissen jetzt, wo wir hinmüssen.“

Schattenfänger

Kaum war der Lichtschein der Karte erloschen, regte sich etwas am Rand der Lichtung. Augen. Viele. Glühend. Lautlos.

„Deckung!“, rief Saphira.

Die Freunde sprangen hinter Kisten, unter Planen, in alte Zelte. Nur Basil blieb mitten auf der Lichtung stehen – starr, wie versteinert.

„Basil!“, rief Lotte, doch da kroch schon ein Schattenwesen aus dem Farn. Schwarz, fließend, formlos.

Trixie sprang hervor, schnappte sich einen brennenden Ast aus der Feuerstelle und warf ihn zwischen Basil und das Wesen.

Es schrie. Kein Ton. Aber alle hörten es im Kopf.

Dann war es verschwunden.

Basil zitterte. „Ich konnte mich nicht bewegen. Es hat… etwas in mir gesehen. Ich weiß nicht was.“

Lotte legte ihm beruhigend die Pfote auf die Schulter. „Du bist hier. Und wir lassen dich nicht allein.“