Eine alte Holztür öffnet sich in ein warmes Zimmer aus Kindheitserinnerungen

Hinter der Tür aus Erinnerung

Das Elternhaus sollte am Montag abgerissen werden. Jana räumte die letzten Kisten aus, als sie im Flur eine Tür entdeckte, die früher nicht dort gewesen war. Das Holz trug Kratzer aus ihrer Kindheit. Dahinter lag die Küche, wie sie vor dreißig Jahren ausgesehen hatte.

Ihre Mutter stand am Herd, jung und gesund. Der Vater reparierte ein Radio. Niemand sah Jana. Sie konnte durch die Räume gehen, Szenen berühren und hören, aber nichts verändern.

An der Tür hing ein Schild: Ein Gegenstand darf mitgenommen werden. Jana begann zu suchen. Sie fand das Lieblingsbuch, die Tasse ihrer Mutter, den Schraubenzieher des Vaters und eine Kassette mit Familienaufnahmen. Jeder Gegenstand schien unersetzlich.

Je länger sie suchte, desto mehr Zimmer öffneten sich. Geburtstage, Streit, stille Nachmittage. Manche Erinnerungen waren schöner, andere schwieriger als Jana sie bewahrt hatte. Die Tür bot kein ideales Zuhause. Sie zeigte das ganze.

In einem Zimmer saß Jana als Kind unter dem Tisch und zeichnete. Auf dem Blatt war ein Haus mit vielen Türen. Die Mutter setzte sich dazu und fragte, wohin sie führten. Das Kind antwortete: „Immer dahin, wo noch jemand wartet.“

Jana wollte die Zeichnung nehmen. Dann sah sie, dass das Kind einen zweiten Stift in der Hand hielt. Sie entschied sich für diesen ganz gewöhnlichen roten Buntstift. Als sie ihn berührte, verschwanden die Räume.

Im leeren Haus stand Jana wieder zwischen Kartons. Der Stift war kurz, abgebrochen und real. Sie nahm keine Tasse, keine Kassette und kein Möbelstück mit. Stattdessen zeichnete sie auf die Rückseite des Abrissplans das Haus mit den vielen Türen.

Am Montag fiel das Gebäude. Jana sah nicht zu. Sie saß in ihrer Wohnung und zeichnete Erinnerungen, bevor sie zu glatten Bildern wurden. Manche Türen führten zu Trauer, andere zu Lachen. Keine blieb ständig offen.

Der rote Stift wurde immer kleiner. Als er kaum noch zu halten war, legte Jana ihn in eine Schachtel. Sie kaufte neue Stifte und zeichnete weiter. Der mitgenommene Gegenstand war nicht wertvoll, weil nur er aus der Vergangenheit kam. Er hatte ihr gezeigt, dass Erinnerung kein Haus ist, das man vor dem Abriss bewahren kann. Sie ist eine Tür, die sich beim Erzählen neu in eine Wand zeichnet.

Jahre später schenkte Jana die Schachtel ihrer Tochter. Sie verlangte nicht, dass diese dieselben Bilder wichtig fand. Stattdessen legte sie einen unbenutzten grünen Stift dazu. Jede Generation, schrieb Jana auf den Deckel, braucht eine eigene Farbe für Türen, die in keinem alten Grundriss vorgesehen waren.