Ein alter blauer Nachtbus fährt durch Regen auf ein Dorf voller warmer Lichter zu

Im Nachtbus nach Rosenwinkel

Greta bemerkte den Bus erst, als er vor ihr hielt. Es war kurz nach Mitternacht, der Regen lief in silbernen Fäden über die leere Straße, und an dieser Haltestelle fuhr seit Jahren kein Nachtbus mehr. Auf der Anzeige stand Rosenwinkel. Greta kannte keinen Ort mit diesem Namen, doch die Tür öffnete sich, und der Fahrer sagte: „Für ungesagte Dinge sind Sie hier richtig.“

In ihrer Handtasche lag ein Brief an ihren Bruder Paul. Sie hatte ihn vor zwölf Jahren geschrieben und nie abgeschickt. Damals hatten sie sich wegen des Elternhauses gestritten, erst laut, dann gar nicht mehr. Inzwischen wusste Greta nicht einmal, ob Paul noch dieselbe Telefonnummer hatte. Der Brief war an den Falten weich geworden.

Im Bus saßen Menschen mit ähnlich schweren Taschen. Ein junger Mann hielt einen Blumenstrauß, dessen Blüten sich noch nicht entschieden hatten, ob sie frisch oder verwelkt waren. Eine Frau trug eine Keksdose voller Entschuldigungen. Bei jeder Haltestelle stieg jemand aus, sprach im Schein einer Laterne mit einer wartenden Gestalt und kehrte leichter zurück. Draußen zogen Straßen vorbei, die Greta aus Träumen kannte.

Rosenwinkel bestand aus einem Platz, einer Telefonzelle und einem Café, das trotz der späten Stunde geöffnet war. Unter der Markise saß Paul. Er war älter geworden, natürlich, aber er rührte seinen Kaffee noch immer dreimal nach links und einmal nach rechts. Greta blieb stehen. Ihr sorgfältig vorbereiteter Brief kam ihr plötzlich viel zu lang vor.

„Ich wollte damals recht behalten“, sagte sie.

Paul sah auf. „Ich auch.“

Mehr brauchten sie zunächst nicht. Sie redeten über das Haus, über ihre Eltern und über all die Geburtstage, die sie aus Trotz verpasst hatten. Manche Sätze waren unbeholfen, andere kamen zu spät, aber keiner wurde abgewiesen. Als der Busfahrer am Fenster klingelte, schrieb Paul seine neue Nummer auf die Rückseite des ungeöffneten Briefes.

Am Morgen wachte Greta auf der Bank ihrer gewöhnlichen Haltestelle auf. Die Straße war trocken. In der Tasche fand sie den Brief, auf dessen Rückseite eine Nummer stand. Sie wartete bis acht Uhr und rief an. Paul meldete sich nach dem zweiten Klingeln mit einem verschlafenen „Ja?“

Sie verabredeten sich für Sonntag. Als Greta später den Stadtplan prüfte, gab es nirgends ein Rosenwinkel. Doch in der folgenden Nacht sah sie vom Fenster aus einen blauen Bus durch den Regen fahren. Diesmal saß auf dem vorderen Platz eine Frau mit einer Keksdose, die schon deutlich leichter aussah.