Kapitel 2 – Die Akademie der Fragwürdig begabten

Ein Stundenplan, der Wackelpudding hieß

Malwines erster Morgen an der Akademie begann mit einem Schrei. Nicht von ihr. Von ihrem Wecker. Der lag am Nachttisch und rief: „AUFSTEHEN! SONST KOMMT DER RABENLEHRER!“

Sie fiel vor Schreck aus dem Bett und landete auf einem Teppich, der sie daraufhin beleidigte: „Tritt mir nie wieder auf die Muster, du Teppichbanause!“

Willkommen an der Akademie.

Malwine zog sich ihre neue Uniform an: eine Mischung aus Laborkittel, Regenponcho und Ritterrüstung. Der Gürtel hatte einen eigenen Reißverschluss mit Stimmungsschwankungen. Beim Versuch, ihn zu schließen, zischte er: „Nicht heute, Fräulein. Nicht heute.“

Im Speisesaal saßen bereits mehrere Dutzend Schüler – einige normal aussehend, andere… weniger. Einer schwebte kopfüber an der Decke, ein Mädchen sprach mit einem Kronleuchter, der zurückflirtete, und ein Junge versuchte, seinen Stuhl mit Gedanken zu essen.

Herr Ziegel erschien in der Mitte des Raumes wie aus dem Nichts – möglicherweise, weil er wirklich aus dem Nichts kam – und klatschte in die Hände. Der Kronleuchter seufzte.

„Begrüßung!“, rief Herr Ziegel. „Ich hoffe, ihr habt alle eure Gaben mitgebracht, euren Verstand nicht verloren und euer Frühstück nicht in die fünfte Dimension gemalt.“

Er verteilte Stundenpläne. Jeder war anders.

Malwines Stundenplan las sich so:


Montag:

  • 8:00 – Grundlagen des kontrollierten Missverstehens

  • 10:15 – Unsichtbarkeitstraining für Anfänger (bitte nichts vergessen!)

  • 12:00 – Mittag (in Farbe)

  • 13:13 – Wackelpudding (Pflichtfach)

  • 15:00 – Dialog mit Türen

Dienstag:

  • 9:00 – Magische Ethik oder: Darf man in Gedanken fluchen?

  • 11:11 – Wahrscheinlichkeitszauber (Würfel und Hoffnung mitbringen)

  • 13:00 – Mittag (in laut)

  • 14:44 – Pflege fragiler Flüche (mit Schutzbrille!)


Sie starrte auf den Plan. „Was ist denn Wackelpudding?“

Ein Lehrer mit drei Hüten beugte sich zu ihr. „Das ist kein Essen. Das ist ein Konzept.“

 
Erste Stunde: Grundlagen des kontrollierten Missverstehens

Die Lehrerin hieß Frau Schnatterfeld. Ihr Gesicht war so ernst wie ein leerer Notizblock, und sie trug Brillengläser wie Lupen.

„Willkommen in der Welt des Missverstehens,“ sagte sie. „Hier lernen wir, wie man Dinge falsch versteht, damit sie besser passen.“

Sie zeigte auf ein Bild an der Tafel: Es war ein Fisch mit einem Regenschirm.

„Was ist das?“, fragte sie.

„Ein Regenschirmfisch?“, fragte Malwine zögernd.

„Falsch! Es ist ein Beispiel für Gedankenkollaps bei gleichzeitiger Realitätsschwankung. Sehr gut! Setzen Sie sich ein Bienchen.“

 
Mittag in Farbe

Das Essen bestand aus etwas, das wie brodelnde Kreide in Regenbogenform aussah. „Ist das essbar?“, fragte Malwine.

„Manchmal“, sagte ein Tischgenosse. „Man muss es austricksen.“

Malwine starrte den Pudding an. Der Pudding starrte zurück.

 
Dialog mit Türen

Die Tür zum Klassenzimmer war eingeschnappt. „Ich habe heute keine Lust auf Menschen.“

Die Lehrerin, Frau Knorrig, klopfte sanft: „Türchen? Magst du uns reinlassen?“

„Nur, wenn ihr mir ein Rätsel stellt, das ich noch nicht kenne.“

Malwine überlegte. Dann sagte sie: „Was ist fragwürdig, aber trotzdem da?“

Die Tür brummte. „Hm. Das ist schwer. Du darfst rein. Aber nur du.“

„Und die anderen?“

„Die sollen sich was Eigenes einfallen lassen

 

Am Ende des Tages war Malwines Kopf so voll wie das Marmeladenglas in ihrem Koffer.

Sie schrieb in ihr Tagebuch:

„Lektion 1: Ich bin definitiv nicht die Merkwürdigste hier. Aber ich geb mir Mühe.“

Dann fiel sie ins Bett. Der Teppich flüsterte: „Heute warst du ganz okay.“

Sie schlief mit einem Lächeln ein.