Letzte Bahn nach Elberfeld

Die Anzeige versprach eine Bahn, die längst hätte da sein sollen. Bahnsteig leer, Automatenlicht, eine Taube, die tat, als lese sie den Fahrplan. Lotte fror in ihre Kapuze hinein und überlegte, ob man Enttäuschungen stempeln kann wie Tickets.

Ein Windstoß brachte die Schwebebahn zum Singen – ein dünnes Summen, dann stand plötzlich ein Wagen da, so alt, dass er schon wieder neu wirkte: Holzsitze, Messingschilder, Fenster mit den winzigen Blasen im Glas. Auf dem Schild vorn stand Elberfeld, als sei Barmen nie dazugekommen.

Die Türen gingen auf. Niemand drin, außer einem Schaffner, der aussah, als hätte er vergessen, in Rente zu gehen. „Einsteigen“, sagte er freundlich. „Fährt direkt.“

„Fährt wohin?“

„Dorthin, wo Sie heute noch ankommen wollten.“

Lotte lachte. „Das wäre: ein bisschen früher in meinem Leben.“

Der Wagen setzte sich lautlos in Bewegung. Unten wanderten Straßenlaternen wie Metronome vorbei, oben im Fenster spiegelte sich Lottes Gesicht in allen Versionen: die, die geblieben wäre; die, die gekündigt hätte; die, die immer noch wartet.

„Darf ich ein Zwischenziel wählen?“ fragte sie.

„Natürlich“, sagte der Schaffner und war plötzlich verschwunden. Auf seinem Platz lag eine Lochzange.

Lotte griff danach. Im nächsten Spiegelbild sah sie sich mit einer Kamera, im übernächsten mit Farbe an den Händen, dann stand sie in einer Küche und lachte, als hätte sie gerade etwas Einfaches gelernt: dass man auch spät noch beginnen darf.

Die Tür zum Nachbarwaggon öffnete sich wie von selbst. Lotte ging hinüber und fand sich in einem Abteil wieder, das größer war als der Waggon selbst. Es war eine Sammlung von Räumen, jeder in einer anderen Farbe getaucht. Ein Raum glitzerte in tiefem Blau wie die Wupper bei Nacht. Ein Junge in Gummistiefeln reichte ihr ein Papierschiffchen. „Wenn du willst, kannst du alte Träume auf ihm aussetzen“, flüsterte er. Lotte schrieb „Sollte‑nicht‑sein“ darauf und ließ es auf der unsichtbaren Wasseroberfläche treiben. Das Schiffchen zerfiel in Lichtfunken.

Im nächsten Abteil schwebten kleine Laternen an der Decke. Sie erinnerten sie an den Weihnachtsmarkt am Laurentiusplatz – nur waren es keine Kerzen, sondern Erinnerungen, eingefangen in warmen Glaskugeln. Sie sah sich selbst als Kind, wie sie das erste Mal die Schwebebahn besteigt, den Nase an die Scheibe gedrückt, fasziniert von der Welt unter ihr. Eine andere Kugel zeigte sie während ihres ersten Jobs in der Stadtverwaltung, wie sie unterschreibt und gleichzeitig wegträumt. Lotte berührte die Kugel und Wärme breitete sich in ihrer Brust aus. Nicht alle Pfade waren falsch, dachte sie.

Als sie weiterging, traf sie auf Amelie, die Hüterin der verpassten Augenblicke. Diesmal trug sie einen Mantel aus Fahrkarten, deren Löcher Sternbilder bildeten. „Jeder Stempel ist eine Entscheidung“, sagte Amelie. „Manche waren notwendig, andere kannst du nachholen.“ Sie führte Lotte zu einer Tür, auf der „Zoo/Stadion“ stand. Dahinter fand sie sich auf einer grünen Wiese wieder – aber statt eines Stadions stand dort ein Zirkuszelt. Kinder kletterten über eine magische Rutsche, die sie in Schneckenhäuser, Wolken oder Sandstrände spuckte, je nachdem, welchen Wunsch sie hatten. Lotte rutschte. Sie landete mitten in der Manege, und statt Applaus hörte sie das Rauschen der Wupper. Ein Clown mit einem Regenschirm nickte ihr zu: „Manchmal braucht man eine Portion Unsinn, um ernsthaft leben zu können.“

Wieder im Waggon, öffnete sich eine Geheimklappe im Boden. Ein alter Aufzug brachte sie hinunter in eine Werkstatt. Der Schaffner – oder jemand, der ihm ähnelte – stand an einer Drehbank und feilte an Zahnrädern. „Jede Bahn fährt auf Schienen der Zeit“, erklärte er, „aber wir können neue Weichen stellen.“ Er überreichte Lotte einen Schlüssel aus Messing, dessen Zähne ihre Initialen formten. „Dieser Schlüssel öffnet Türen, die du längst abgeschlossen glaubtest.“

Der Zug stoppte ruckfrei. „Höher Hof“ leuchtete auf – eigentlich gar keine richtige Haltestelle, sondern ein versteckter Garten über den Dächern Elberfelds. Lotte trat hinaus. Über ihr hingen Hängesessel in alten Kastanienbäumen, in denen verschiedene Menschen lasen, malten, träumten. Eine Frau in rot‑weiß geringelten Strümpfen winkte sie heran und deutete auf einen freien Sessel. „Hier ist die Haltestelle zum Atemholen“, sagte sie. Lotte setzte sich, und der Schwebebahnsong wurde zu einem Wiegenlied. In den Baumkronen tanzten weiße Blätter wie Schneeflocken, aber es war Sommer. Auf jedem Blatt stand ein Satz aus einem Buch, das sie immer schreiben wollte. „Du kannst sie sammeln“, flüsterte der Wind. Sie steckte einige ein.

Nach einer Weile spürte Lotte, dass es Zeit war, weiterzufahren. Sie stieg wieder in den Wagen, der sich anfühlte, als würde er schon zu ihr gehören. Amelie wartete mit zwei Tassen Kaffee. „Dieser Zug fährt nicht nur nach Elberfeld“, sagte sie. „Er fährt durch deine Sehnsucht.“

„Und wo endet er?“

„Wo du wiilst“

Sie fuhren weiter, durch die Dunkelheit unter der Schwebebahn, in der die Lichter der Stadt wie unzählige Glühwürmchen tanzten. An der Station „Briller Viertel“ sah Lotte sich selbst an einem runden Tisch mit alten Freunden, lachend bei einem Spieleabend. „Ich hatte keine Zeit“, dachte sie. „Warum eigentlich nicht?“ Sie stanzte ein Loch in einen imaginären Fahrplan: „Mehr Zeit für Menschen.“

Als schließlich „Elberfeld“ aufleuchtete, war es anders als erwartet. Die Haltestelle war verzaubert: Die Wupper floss hier in die Luft und bildete einen Wasserfall aus Erinnerungen. Menschen aus verschiedenen Zeiten liefen nebeneinander, ihre Geschichten verwebten sich. Ein alter Uhrmacher reparierte in der Ecke eine Taschenuhr, in deren Glas sich das Jahr spiegelte, in dem Lotte geboren wurde. „Zeit ist dehnbar“, murmelte er. Lotte ging an ihm vorbei zu einer Brücke aus bunten Regenschirmen, die über den Wasserfall gespannt war. Dahinter lag das Fachwerkhaus vom Anfang ihres Traums. Es strahlte eine Wärme aus, die sie magisch anzog.

Amelie reichte Lotte den Papierstern, den sie eingangs überreicht hatte. „Stanzen Sie Ihr Ticket ein letztes Mal – und lassen Sie los“, sagte sie. Lotte drückte die Lochzange durch den Papierstern. Es war, als würde sich ein Knoten lösen. Der Stern verwandelte sich in den Messingschlüssel, den der Schaffner ihr gezeigt hatte. Sie ging die Schritte zum Haus. Jede Diele, die sie betrat, ließ sie mehr lächeln. Auf dem Küchentisch lag ein Stapel leerer Notizbücher neben einer Kamera, deren Objektiv auf den Garten gerichtet war, wo bunte Tomatenpflanzen neben Staffeleien wuchsen. Freunde saßen um den Tisch – einige kannte sie aus ihren Erinnerungen, andere spürte sie erst jetzt als mögliche Gefährten. Sie erhoben ihre Tassen. „Willkommen zu Hause“, sagten sie.

Lotte atmete tief ein. Ihre Schultern entspannten sich. Draußen summte die Schwebebahn weiter, aber das Geräusch war jetzt wie der Herzschlag eines Freundes: beruhigend, beständig. Sie setzte sich, schlug ein Notizbuch auf und begann zu schreiben, während draußen Glühwürmchen tanzten und der Mond über Wuppertal stand. Die letzte Bahn nach Elberfeld war tatsächlich eine Reise durch ihre eigenen Möglichkeiten gewesen – und sie hatte sie genutzt, um an einem Ort anzukommen, der sich plötzlich richtig anfühlte. Und dort, zwischen Farbe, Kaffee und Gelächter, fand sie den Mut, ein neues Kapitel zu beginnen – mit der Gewissheit, dass jeder Tag die Chance bietet, die Weichen neu zu stellen.