Leni glaubte lange, Libellen verschwänden bei Sonnenuntergang. Dann folgte sie einer blauen Mosaikjungfer bis zum Moorsee. In einer geschützten Bucht saßen Hunderte Libellen still an Schilf und Zweigen. Ihre Flügel glänzten im Mondlicht wie dünnes Glas.
Der Ort war so ruhig, dass Leni ihren eigenen Atem hörte. Sie erzählte nur ihrem Großvater davon. Er war Fischer und versprach, nicht in die Bucht zu fahren.
Im Sommer eröffnete am See ein neuer Uferweg. Lampen beleuchteten ihn die ganze Nacht. Besucher fanden die Bucht, machten Fotos und leuchteten mit Taschenlampen ins Schilf. Die Libellen wechselten ihre Schlafplätze. Manche flogen bis zur Erschöpfung um die Lampen.
Leni sprach mit der Gemeinde. Man erklärte, der Weg müsse aus Sicherheitsgründen hell sein. Sie sammelte Beobachtungen und bat eine Insektenkundlerin um Hilfe. Gemeinsam zeigten sie, dass niedrige, abgeschirmte Lampen mit warmem Licht den Weg beleuchten konnten, ohne die Bucht anzustrahlen. Außerdem sollte ein Teil nachts geschlossen werden.
Nicht alle waren einverstanden. Einige wollten den schönen Ort jederzeit sehen. Leni organisierte geführte Abendspaziergänge. Die Teilnehmer blieben auf Abstand, verwendeten kein Blitzlicht und erlebten, wie die Libellen nach und nach zur Ruhe kamen. Wer sie still sah, verstand eher, warum Dunkelheit ein Lebensraum war.
Die Lampen wurden umgebaut. In der Bucht kehrten die Tiere langsam zurück. Es waren zunächst weniger als früher. Leni zählte sie jeden Monat, ohne den genauen Ort öffentlich zu markieren.
Eines Abends fand sie die erste blaue Mosaikjungfer wieder. Vielleicht war es nicht dasselbe Tier. Sie setzte sich dennoch neben ihren Großvater ans Ufer. Beide schwiegen, bis der letzte Flügel zur Ruhe kam.
Am Eingang des Weges steht heute ein Schild: Hier beginnt nachts nicht die Leere, sondern eine andere Schicht des Lebens. Bitte lassen Sie ihr Dunkelheit.
Leni führt noch immer Gruppen. Auf die Frage, wo Libellen schlafen, zeigt sie nie direkt in die Bucht. Sie sagt: „Dort, wo wir leise genug sind, nicht alles sehen zu müssen.“ Dann wartet sie, bis auch die ungeduldigsten Besucher ihre Lampen ausschalten.
Erst danach beginnt der eigentliche Spaziergang. In der Dunkelheit werden plötzlich Wasser, Schilf und der ferne Ruf eines Vogels deutlicher. Viele Gäste schreiben Leni später, sie hätten an diesem Abend nicht weniger gesehen, sondern zum ersten Mal verstanden, wie viel die Nacht selbst sichtbar macht.

