Die Schnabelpfoten – Folge 23: Der Ruf der Tiefe – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 23: Der Ruf der Tiefe

Die Schatten hatten sich verzogen, aber ihre Präsenz hing noch in der Luft wie kalter Rauch. Niemand sprach, während die Schnabelpfoten das verlassene Lager verließen. Der Pfad, den sie nun folgten, war schmaler, als würde der Wald selbst entscheiden, wer ihn gehen durfte.

Emil hielt die Karte, die sie aktiviert hatten, ganz fest umklammert. Sie war wieder verblasst, doch er meinte, ein Flimmern zu sehen – als würde sie nur darauf warten, erneut zu sprechen.

„Was meint ihr, wohin sie uns führt?“ fragte Basil leise.

„Dorthin, wo alles begann“, sagte Korax nachdenklich. „Und vielleicht auch endet.“

Trixie schüttelte sich. „Solche Sätze machen mir Gänsehaut. Selbst mit Fell.“

Die Schlucht der Flüsternden

Am frühen Nachmittag erreichten sie eine steile Felsspalte – ein natürlicher Einschnitt im Gelände, durch den ein schmaler Steg aus uralten Brettern führte. Unten rauschte ein Fluss, doch es war kein Geräusch des Wassers, das die Freunde stocken ließ.

Es waren Stimmen. Flüstern. Rufe. Manchmal Lachen. Manchmal Weinen.

„Das ist nicht real“, sagte Trixie und ging ein paar Schritte zurück.

„Oder es ist zu real“, erwiderte Korax. „Vielleicht hören wir unsere eigenen Gedanken.“

Lotte trat vor. Sie spürte, dass der Schatten in ihrer Nähe war. Nicht sichtbar. Aber präsent. Und je näher sie der Mitte der Schlucht kamen, desto schwerer wurde die Luft.

Emil stolperte und hätte beinahe den Halt verloren, doch Saphira packte ihn im letzten Moment.

„Nicht so schnell, Kleiner“, sagte sie und zog ihn an sich.

Der Wächter der Brücke

Am Ende der Schlucht saß eine Gestalt. Groß, rundlich, mit einem Körper aus Rinde und Moos. Zwei Glühwürmchen funkelten wie Augen.

„Wer überquert meine Brücke?“ fragte die Gestalt mit einer Stimme, die wie knarzendes Holz klang.

„Wir folgen einer Spur“, sagte Lotte mutig.

„Und was gebt ihr dafür auf?“

Niemand antwortete sofort. Dann trat Basil vor. „Ich… ich gebe meine Angst. Zumindest ein Teil davon.“

Der Wächter nickte. „Mut ist ein guter Anfang. Tritt näher.“ Einer nach dem anderen traten sie vor. Jeder nannte etwas, das er zurücklassen wollte: Zweifel, Zorn, Stolz, Misstrauen.

Dann wich die Gestalt zur Seite, und der Weg war frei.

Die Tür mit den drei Kreisen

Nach dem Übergang folgte ein kurzer Anstieg, bis sie vor einer gewaltigen Steintür standen. In die Oberfläche waren drei Kreise eingraviert – ineinander verschlungen. Der mittlere leuchtete schwach violett.

„Hier endet die Karte“, sagte Emil. „Aber nicht unser Weg.“

Korax legte die Pfote auf den Stein. „Drei Kreise. Drei Prüfungen?“

Trixie seufzte. „Ich hatte gehofft, es wäre einfach nur eine Tür.“

Plötzlich senkte sich die Lufttemperatur. Der mittlere Kreis drehte sich langsam. Und eine Stimme erklang – dieselbe, die sie schon zuvor gehört hatten:

„Der Schatten kennt eure Namen. Doch kennt ihr euch selbst?“

Ein Lichtblitz – dann Dunkelheit.