Zwei Kinder setzen an einem Bergsee leuchtende Sterne zurück an den Nachthimmel

Der See, der Sterne zurückgab

Im Dorf unterhalb des Silbersees bemerkte zuerst niemand, dass Sterne fehlten. Einer weniger am Himmel fällt kaum auf. Doch jede Nacht verschwanden mehr. Nach einem Monat war die Milchstraße löchrig, und der See leuchtete von unten wie eine umgedrehte Stadt.

Die Geschwister Jona und Liv ruderten heimlich hinaus. Unter ihrem Boot lagen Sterne auf dem Grund, manche groß wie Teller, andere so klein wie Münzen. Sie waren nicht erloschen, nur traurig.

Ein alter Karpfen steckte den Kopf aus dem Wasser. „Der See gibt zurück, was die Menschen nicht mehr beachten“, blubberte er. „Früher kannten sie Sternbilder und erzählten Geschichten. Jetzt schauen sie nur nach unten.“

Jona versuchte, einen Stern mit dem Kescher zu fangen. Er war überraschend schwer. Liv sang das einzige Sternenlied, das ihre Großmutter ihnen beigebracht hatte. Sofort wurde der Stern leicht und schwebte in ihre Hände.

Sie ruderten zum Ufer und baten die Dorfbewohner um Hilfe. Viele lachten. Der Wirt sagte, Sterne seien Sache der Astronomen. Die Lehrerin erklärte, sie habe morgen Unterricht. Erst die Großmutter kam mit einer Decke und einer Thermoskanne.

Sie erzählte von Orion, der sich am Himmel verirrte, von einer Bärin, die niemals unterging, und von einem kleinen Stern, der den Weg nach Hause zeigte. Bei jeder Geschichte stiegen Sterne aus dem See. Die Kinder fingen sie auf und warfen sie hoch. Einige blieben sofort am Himmel, andere purzelten zurück ins Wasser.

Nach und nach kamen weitere Menschen. Der Bäcker kannte ein Sternbild aus seiner Heimat. Eine Jugendliche erfand eine Geschichte über einen kosmischen Fuchs. Selbst der Wirt brachte Stühle und behauptete, das habe nichts mit Sternen zu tun.

Bis zum Morgen war der See dunkel und der Himmel vollständig. Nur ein Stern blieb im Boot liegen. Er gehörte zu keinem bekannten Bild.

„Wohin mit ihm?“, fragte Jona.

Liv zeigte auf eine leere Stelle über dem Dorf. „Dort fehlt noch unsere Geschichte.“

Sie warfen ihn gemeinsam. Der Stern blieb genau über dem Kirchturm stehen. Seitdem heißt er im Dorf der Geschwisterstern. Auf keiner offiziellen Karte ist dieser Name verzeichnet, aber jeder dort kennt ihn.

Einmal im Monat löschen die Bewohner abends alle unnötigen Lichter. Dann sitzen sie am See, erzählen alte und neue Geschichten und sehen nach oben. Manchmal fällt trotzdem ein Stern ins Wasser. Das ist nicht schlimm. Jona und Liv halten das Boot bereit. Denn auch der Himmel darf gelegentlich vergessen werden, solange jemand da ist, der ihn wieder erinnert.