Eine alte gelbe Straßenbahn steht nachts an einem stillen Hafen zwischen Laternen und Nebel

Die Straßenbahn zum stillen Hafen

Clara kannte jede Kurve der Linie vierzehn. Seit elf Jahren fuhr sie nach der Spätschicht mit derselben Straßenbahn nach Hause, saß auf demselben Platz hinter der zweiten Tür und sah dieselben Häuser an sich vorbeiziehen. An diesem Donnerstag jedoch blieb die Bahn an der Endhaltestelle nicht stehen. Der Fahrer löschte die Innenbeleuchtung, legte einen silbernen Hebel um und fuhr weiter, obwohl hinter den Schienen gewöhnlich nur ein Zaun und ein verwilderter Bahndamm lagen.

„Heute bis zum stillen Hafen“, sagte der Schaffner, den Clara noch nie zuvor gesehen hatte. Er trug eine blaue Uniform mit goldenen Knöpfen und knipste ein Loch in eine Fahrkarte, die sie gar nicht gekauft hatte. Außer ihr saßen nur drei Menschen im Wagen: ein Mann mit einem unausgepackten Cello, eine alte Frau mit einem Bündel Liebesbriefe und ein Junge, der einen Fußballschuh im Arm hielt. Niemand wirkte überrascht.

Hinter den Fenstern verschwanden die Häuser. Nebel zog über die Gleise, und irgendwo roch es nach Salz. Schließlich hielt die Bahn vor einem Kai. Im schwarzen Wasser lagen keine Schiffe, sondern Dinge, die Menschen einmal hatten tun wollen: eine unbegonnene Weltreise schaukelte neben einem nie eröffneten Café, ein zurückgehaltener Heiratsantrag blinkte wie eine Boje, und zwischen ihnen trieb Claras Skizzenbuch. Sie hatte mit zwanzig Illustratorin werden wollen. Seit Jahren lag das Buch in einer Schublade.

„Was hier anlegt, kann noch einmal abgeholt werden“, erklärte der Schaffner. „Aber nur, wenn man es wirklich tragen will.“ Der Cellist nahm sein Instrument aus dem Kasten. Die alte Frau warf die Briefe nicht ins Wasser, sondern steckte sie in ihre Manteltasche. Der Junge zog den zweiten Fußballschuh an. Clara kniete am Kai und angelte das Skizzenbuch mit einem Bootshaken heraus. Die Seiten waren trocken. Auf der letzten, die früher leer gewesen war, stand mit ihrer eigenen Handschrift: Fang mit dem an, was du heute gesehen hast.

Als die Linie vierzehn am Morgen wieder in der Stadt einfuhr, stieg Clara zwei Haltestellen zu früh aus. Sie kaufte einen schwarzen Stift, setzte sich in ein Café und zeichnete die gelbe Straßenbahn im Nebel. Das Bild war nicht vollkommen, aber es lebte. In der folgenden Nacht wartete sie erneut an der Haltestelle. Die Bahn kam pünktlich, fuhr diesmal jedoch nach Hause.

Nur auf der Anzeige flackerte für einen Augenblick ein zusätzlicher Zielort auf: Stiller Hafen – bei Bedarf. Clara lächelte. In ihrer Tasche lag ein neues Skizzenbuch, und auf der ersten Seite begann bereits eine Geschichte.