Am letzten Ferientag verfuhr sich Mara mit dem Fahrrad. Hinter dem alten Steinbruch bog sie in einen Weg ein, den es auf ihrer Karte nicht gab. Links summten die Grillen in flirrender Hitze, rechts wirbelten gelbe Blätter durch kühle Luft. Genau zwischen Sommer und Herbst stand ein Kiosk mit rot-weiß gestreiftem Vordach. Über dem Fenster hing ein Schild: Letzte warme Tage, gekühlte Limonade, Erinnerungen aller Art.
Der Besitzer hieß Herr Polzin und trug gleichzeitig Sonnenhut und Wollschal. „Du bist spät dran“, sagte er und stellte eine Flasche Himbeerbrause auf den Tresen. „Der Sommer schließt in einer Stunde.“ Mara erklärte, sie wolle nur nach Hause. Herr Polzin deutete auf zwei Wege. Der sonnige führte zurück zum See, der herbstliche direkt in ihr Dorf. „Oder du bleibst noch einen Sommertag. Kostet eine Erinnerung.“
In einem Regal standen Gläser mit handgeschriebenen Etiketten. Erster Sprung vom Dreimeterbrett. Kirschenessen bei Tante Berta. Ein Nachmittag ohne Sorgen. Manche Gläser leuchteten, andere waren fast dunkel. Herr Polzin erklärte, Menschen ließen hier Erinnerungen zurück, wenn sie einen Tag verlängern wollten. Später könne ein anderer sie kaufen, der dringend Wärme brauche.
Mara dachte an den verregneten Dienstag mit ihrem Vater. Das Zelt war undicht gewesen, die Nudeln angebrannt, und sie hatten stundenlang unter einer Plane gesessen. Eigentlich war es ein misslungener Tag. Trotzdem hatten sie so sehr gelacht, dass ihr der Bauch wehgetan hatte. Seit ihr Vater fortgezogen war, hielt sie gerade diese Erinnerung fest. Sie nahm das gedachte Glas schon in die Hand, stellte es aber wieder zurück.
„Nein“, sagte sie. „Wenn der Sommer vorbei ist, ist er eben vorbei.“ Herr Polzin nickte, als hätte sie die richtige Antwort auf eine schwierige Frage gegeben. Er schenkte ihr die Brause und reichte ihr eine Tüte mit drei kandierten Sonnenstrahlen. „Für besonders graue Nachmittage. Nicht alle auf einmal essen.“
Mara fuhr auf dem herbstlichen Weg nach Hause. Als sie sich umdrehte, war der Kiosk verschwunden. In ihrer Jackentasche knisterte jedoch die Tüte. Wochen später, an einem kalten Novembertag, rief ihr Vater an. Das Gespräch begann steif und vorsichtig. Mara legte einen kandierten Sonnenstrahl auf die Zunge. Plötzlich roch das Zimmer nach nasser Plane und angebrannten Nudeln, und beide mussten gleichzeitig lachen.
Zwei Sonnenstrahlen bewahrte sie auf. Auf die Tüte schrieb sie: Für Tage, die nicht verlängert werden müssen, um wichtig zu bleiben.

