Eine weiße Fähre fährt im Morgennebel zwischen Insel und Festland, Möwen kreisen darüber

Die Fähre, die den Dienstag vergaß

Auf der Insel Kiebitzhörn folgte auf jeden Montag neuerdings ein Mittwoch. Niemand fand das besonders beunruhigend. Der Bäcker backte mittwochs eben die Brötchen, die er für Dienstag geplant hatte, und der Bürgermeister strich den verlorenen Tag aus dem Kalender. Nur Nela wunderte sich. Dienstags hatte ihre Großmutter immer Pfannkuchen gebacken. Seit der Dienstag fehlte, behauptete die Großmutter, sie habe das Rezept vergessen.

Nela ging zum Hafen. Die alte Fähre lag am Kai, obwohl sie laut Fahrplan auf dem Festland sein musste. Kapitän Brammer strich nervös über seinen Bart. Im Laderaum entdeckte Nela sieben gläserne Kisten. In jeder schimmerte ein ganzer Dienstag: In einer klingelte ein Wecker, in einer anderen warteten ungegossene Blumen, und aus der dritten roch es nach Pfannkuchen.

„Die Fähre sammelt Tage, wenn sie zu oft leer fahren muss“, gestand Brammer. Früher seien die Inselbewohner dienstags zum Markt gefahren, hätten Freunde besucht oder Gäste empfangen. Inzwischen bestellten alle ihre Waren, blieben zu Hause und schauten auf Bildschirme. Die Fähre habe sich nutzlos gefühlt und begonnen, die stillen Dienstage im Nebel zu verstecken.

Nela kletterte ins Steuerhaus. „Eine Fähre braucht nicht nur Fahrgäste“, sagte sie zum knarrenden Armaturenbrett. „Sie braucht Geschichten.“ Dann hängte sie handgeschriebene Zettel im Dorf auf: Dienstag – Fahrt ins Ungewisse. Einsteigen mit einer Geschichte, einem Kuchen oder einem Lied.

Am nächsten Morgen stand das halbe Dorf am Kai. Der Bäcker brachte Zimtschnecken, die Lehrerin ihre Geige, und Nelas Großmutter trug eine Schüssel Pfannkuchenteig. Kapitän Brammer löste die Leinen. Die Fähre zögerte, hupte zweimal und fuhr in den Nebel. Dort öffneten sich die gläsernen Kisten. Verlorene Stunden flatterten wie Möwen über das Deck und fanden zu ihren Besitzern zurück.

Als die Fähre am Abend anlegte, zeigte die Hafenuhr Dienstag. Im Dorf war nichts Besonderes geschehen, und gerade das fühlte sich wunderbar an. Es gab Markt, Besuche, kleine Verspätungen und verbrannte Pfannkuchen. Die Großmutter erinnerte sich an das Rezept und behauptete, eine Prise Muskat sei unverzichtbar.

Seitdem fährt die Fähre jeden Dienstag, selbst wenn nur ein einziger Mensch wartet. Wer kein Ticket hat, darf mit einer guten Geschichte bezahlen. Manchmal verschwindet noch eine Stunde im Nebel. Doch Nela weiß, wo sie suchen muss, und Kapitän Brammer bewahrt vorsichtshalber immer eine leere Glaskiste im Laderaum auf.