Leander lieh den Kompass in einem Laden, dessen Tür zwischen zwei Häusern auftauchte, die sonst direkt aneinanderstanden. Die Besitzerin verlangte kein Geld. „Bringen Sie ihn zurück, wenn er Sie dorthin geführt hat, wo Sie gebraucht werden“, sagte sie. Leander wollte eigentlich nur den schnellsten Weg zur Küste finden. Er hatte drei Wochen Urlaub und den festen Plan, mit niemandem zu reden.
Die Nadel zeigte nicht nach Norden. Sie wies in eine Seitenstraße, wo ein Mädchen vor einem Fahrrad mit abgesprungener Kette stand. Leander reparierte sie. Danach drehte sich die Nadel zu einem Café. Dort suchte ein alter Mann seine Brille, die in dessen Jackenkapuze steckte. Später führte der Kompass zu einem Hund im Straßengraben, zu einer Reisegruppe am falschen Bahnsteig und zu einer Frau, deren Auto nicht ansprang.
Nach zwei Tagen war Leander kaum zwanzig Kilometer vorangekommen. Er ärgerte sich und legte den Kompass in das Handschuhfach. Sofort begann darin ein leises Klopfen. Schließlich nahm er die nächste angezeigte Abzweigung. Sie führte in das Dorf Rabensteg, das nach einem Gewitter ohne Strom war. Im Gemeindehaus saßen Menschen im Dunkeln. Leander war Elektriker. Bis zum Abend brachte er die Notbeleuchtung und die Kühlanlage der kleinen Apotheke wieder zum Laufen.
Die Dorfbewohner luden ihn zum Essen ein. Am langen Tisch hörte er mehr Geschichten als in den vergangenen drei Jahren. Eine Witwe erzählte von ihrem ersten Motorrad, zwei Kinder stritten über den Namen eines erfundenen Planeten, und der Apotheker spielte schlecht, aber begeistert Akkordeon. Leander bemerkte, dass seine geplante Einsamkeit eher wie eine Gewohnheit als wie ein Wunsch gewesen war.
Am nächsten Morgen zeigte die Nadel zum Meer. Diesmal gab es keine Umwege. Am Strand fand Leander den geheimnisvollen Laden wieder, obwohl weit und breit kein Haus stand. Die Besitzerin saß unter einem Sonnenschirm und trank Kaffee.
„Bin ich angekommen?“, fragte er.
„Das müssen Sie wissen.“
Leander gab den Kompass zurück. Die Nadel drehte sich noch einmal und zeigte auf seine Brust. Dann blieb sie stehen. Auf der Heimfahrt nahm Leander absichtlich die Landstraße. Er half niemandem bei einer Panne und rettete keinen Hund. Trotzdem hielt er in Rabensteg an, weil am Gemeindehaus ein Schild hing: Akkordeonabend – mutige Zuhörer gesucht.
Viele Monate später tauchte der Laden wieder in seiner Straße auf. Im Fenster lag derselbe Kompass. Diesmal ging Leander vorbei. Er wusste inzwischen auch ohne Nadel, wann ein Umweg der richtige Weg war.

