Die Pension der offenen Fenster lag am Ende einer Straße, die Mirjam nur nahm, weil ein umgestürzter Baum den anderen Weg versperrte. Das Haus war schief, freundlich und viel größer, als es von außen sein durfte. Die Wirtin gab ihr Zimmer sechs. „Bitte schließen Sie das Fenster nicht“, sagte sie. „Es findet sonst den Weg nicht zurück.“
Mirjam erwartete den Blick auf den Parkplatz. Stattdessen sah sie eine helle Küche am Meer. Ein Mann kochte Tee, zwei nasse Hunde schüttelten sich auf dem Teppich, und auf dem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch. Mirjam kannte weder den Mann noch die Hunde. Trotzdem war ihr, als hätte sie dort oft gelacht.
Im Speisesaal berichteten andere Gäste von ähnlichen Aussichten. Ein Geschäftsmann sah eine Berghütte ohne Telefon. Ein junges Paar blickte durch dasselbe Fenster auf zwei verschiedene Städte. Eine ältere Dame sah nur ihre frühere Wohnung, allerdings mit einer zweiten Tasse auf dem Tisch. Die Wirtin erklärte, die Fenster zeigten kein vorherbestimmtes Glück. „Sie zeigen Möglichkeiten, in denen ein Mensch Platz für sich gelassen hat.“
Mirjam war seit Jahren unterwegs. Sie wechselte Wohnungen, Städte und Arbeitsstellen, sobald etwas verbindlich wurde. Freiheit nannte sie das, doch in letzter Zeit fühlte sie sich eher wie ein Koffer, der nie ausgepackt wurde. Sie verbrachte die Nacht am Fenster. Manchmal wechselte die Szene: ein kleiner Garten, eine Werkstatt voller Papier, eine Wohnung über einer Bäckerei. Immer gab es irgendwo einen Platz, an dem ihre Schuhe standen.
Am Morgen fragte sie die Wirtin nach der Küche am Meer. „Kann ich sie finden?“
„Vielleicht. Aber wenn Sie nur die Kulisse suchen, werden Sie daran vorbeigehen.“
Mirjam schrieb drei Dinge auf, die in jeder Aussicht gleich gewesen waren: Zeit, Nähe und etwas Eigenes, das wachsen durfte. Danach fuhr sie nicht zum Meer. Sie kehrte in ihre jetzige Stadt zurück, kündigte die bereits geplante nächste Wohnung und mietete im Erdgeschoss einen kleinen Raum. Dort eröffnete sie eine Werkstatt für handgebundene Bücher.
Monate später kam ein Kunde mit zwei nassen Hunden herein. Er brauchte ein Reisetagebuch und entschuldigte sich für die Pfützen auf dem Boden. Mirjam musste lachen. Sie kochte Tee. Durch das Werkstattfenster sah man nur die Bushaltestelle, doch an diesem Nachmittag spiegelte sich darin für einen Moment das Meer.
Die Pension suchte sie nie wieder. Trotzdem ließ Mirjam nachts ein Fenster einen Spalt offen. Nicht damit etwas fortfliegen konnte, sondern damit neue Möglichkeiten wussten, wo sie klingeln mussten.

