Giulia nähte im Genua des Jahres 1691 Mäntel für Kapitäne, Händler und Reisende. Ihre Stiche waren so fein, dass man sagte, selbst der Wind könne keine Naht finden. Im Saum mancher Mäntel verbarg sie jedoch etwas Besonderes: Karten aus farbigem Faden.
Rote Stiche markierten sichere Gassen, blaue Brunnen, goldene Häuser, in denen Reisende Hilfe fanden. Die Karten waren für Menschen bestimmt, die den Hafen nicht kannten oder sich vor Wegelagerern schützen mussten. Giulia verlangte kein Geld dafür. Jeder Empfänger fügte später einen neuen hilfreichen Ort hinzu.
Eines Tages bestellte Kaufmann Vassari zwölf Mäntel. Er hatte von den geheimen Karten gehört und wollte sie für seine Geschäfte nutzen. Giulia nähte gewöhnliche Säume. Vassari drohte, sie beim Rat zu beschuldigen, Schmugglern zu helfen.
In derselben Woche kam ein schwerer Sturm. Schiffe konnten nicht einlaufen, Vorräte wurden knapp, und in den engen Straßen brach ein Feuer aus. Rauch versperrte die Hauptwege. Viele Menschen kannten nur die großen Gassen und gerieten in Panik.
Giulia öffnete ihre Werkstatt. Reisende breiteten ihre Mäntel aus. Aus den Säumen entstand eine gemeinsame Karte mit Hinterhöfen, Treppen und Zisternen. Schneiderinnen trennten die Fäden heraus und spannten sie als farbige Linien durch die Straßen. Rot führte aus dem Rauch, Blau zum Wasser, Gold zu sicheren Häusern.
Auch Vassari folgte einer Linie und wurde gerettet. Danach schwieg er über Giulias Karten. Mehr noch: Er öffnete eines seiner Lager als Schutzraum. Giulia nähte den Ort später mit einem widerwilligen goldenen Stich ein.
Nach dem Brand wurden offizielle Fluchtwege angelegt. Die geheimen Karten waren weniger nötig, verschwanden aber nicht. Nun zeigten sie auch Werkstätten, Hebammen, günstige Küchen und Orte, an denen fremde Sprachen gesprochen wurden.
Giulia bildete Lehrlinge aus. Jeder lernte zuerst einen einfachen Saum und danach die Regel der Karten: Ein Weg gehört niemandem allein. Wer ihn kennt, trägt Verantwortung für jene, die ihn noch suchen.
Von ihren Mänteln sind nur wenige erhalten. In einem Museum liegt ein dunkelgrüner. Im Saum findet sich eine winzige goldene Linie, die an einer unscheinbaren Schneiderei endet. Vielleicht markiert sie Giulias Werkstatt. Vielleicht erinnert sie nur daran, dass die sichersten Stadtpläne manchmal nicht an Wänden hingen, sondern mit Menschen durch die Straßen gingen.

