Der Holunder stand am Rand des Dorfes und blühte selbst in trockenen Jahren. Als die Brunnen versiegten, bemerkte Malin feuchte Erde unter seinen Wurzeln. Sie grub vorsichtig und fand eine steinerne Schale. Klares Wasser stieg darin auf.
Die Dorfbewohner jubelten. Jeder kam mit Eimern. Doch sobald jemand einen zweiten Behälter füllte, sank der Wasserspiegel. Am Abend war die Schale leer. Nur wenn Malin allein eine Handvoll nahm, floss neues Wasser nach.
Im Steinrand stand ein verwitterter Satz: Genug für alle, nicht alles für einen. Der Gemeinderat führte eine tägliche Menge pro Haushalt ein. Einige hielten sich daran, andere kamen nachts. Die Quelle reagierte sofort und versiegte wieder.
Malin schlug vor, das Wasser nicht zu bewachen, sondern sichtbar zu verteilen. Auf dem Dorfplatz stellten sie eine lange Rinne mit gleich großen Krügen auf. Jeder füllte zuerst den Krug eines anderen Haushalts. Wer mehr brauchte, musste erklären warum. Kranke, Tiere und Gemeinschaftsgärten erhielten Vorrang.
Das war umständlich und führte zu Diskussionen. Doch die Menschen erfuhren, wer allein lebte, wessen Dachrinne kaputt war und welche Familie ein krankes Kind versorgte. Zugleich bauten sie Regentonnen, reparierten Leitungen und pflanzten trockenheitsverträgliche Beete. Die Quelle wurde Ergänzung statt Ausrede.
Nach einigen Wochen floss sie kräftiger. Unter dem Holunder entstand ein kleiner Bach, der jedoch am Dorfrand im Boden verschwand. Malin glaubte, er speise tiefere Schichten. Niemand versuchte, ihn einzufassen.
Als endlich Regen kam, waren die Speicher vorbereitet. Die Quelle blieb. Manche wollten eine Abfüllanlage bauen, doch das Dorf lehnte ab. Das Wasser sollte nicht verkauft werden.
Malin pflegte den Holunder bis ins hohe Alter. Sie erzählte Kindern, die Quelle könne rechnen. Tatsächlich zählte sie keine Liter. Sie reagierte auf Verhältnis und Rücksicht.
Noch heute steht neben der Schale nur ein einziger Becher. Wer trinkt, füllt ihn anschließend für den nächsten Menschen. Manchmal sinkt der Spiegel, obwohl niemand sichtbar zu viel genommen hat. Dann prüft das Dorf nicht zuerst die Quelle. Es fragt, wo im gemeinsamen Leben wieder etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Meist findet sich eine Antwort: ein vergessenes Beet, ein stiller Nachbar oder eine Leitung, um die sich niemand zuständig fühlte. Wird die Aufgabe geteilt, steigt das Wasser langsam. So ist die Quelle zum zuverlässigsten Spiegel des Dorfes geworden, obwohl ihre Oberfläche kaum größer als zwei Hände ist.

