Im Tal von Sorell lebten sieben Winde. Der Morgenwind trocknete Tau, der Südwind brachte Wärme, der Nordwind klare Nächte. Es gab einen Regenwind, einen Samenwind, einen Nebelwind und den verspielten Wirbelwind, der Hüte stahl. Die Schäferin Alva kannte jeden an seinem Geruch.
Um die Obstgärten vor Sturmschäden zu schützen, bauten die Bewohner einen hohen Wall quer durchs Tal. Der Nordwind blieb draußen. Anfangs freuten sich alle. Bald jedoch hing Nebel tagelang zwischen den Hängen. Pilze befielen die Bäume, Samen erreichten die oberen Wiesen nicht, und der Regenwind fand keinen Ausgang.
Alva hörte die Winde nachts am Wall streiten. Jeder gab dem anderen die Schuld. Der Wirbelwind war als Einziger durch eine Lücke geschlüpft, richtete nun aber aus Langeweile ständig kleine Schäden an.
Alva schlug vor, Öffnungen in den Wall zu bauen. Die Obstbauern fürchteten neue Stürme. Also fertigte sie sieben Windtore an. Jedes ließ sich je nach Wetter öffnen. Alte Wetterzeichen, moderne Messungen und Beobachtungen der Hirten sollten gemeinsam entscheiden, wann welcher Wind passieren durfte.
Beim ersten Versuch öffneten sie das Nordtor zu weit. Kalte Luft fegte Blüten von einigen Bäumen. Der Plan schien gescheitert. Alva bestand darauf, weiterzulernen. Sie verkleinerten die Tore, pflanzten Hecken und verteilten empfindliche Kulturen auf verschiedene Lagen.
Nach und nach kehrte Bewegung ins Tal zurück. Der Nebel löste sich, Samen flogen wieder bergauf, und Regen versickerte gleichmäßiger. Nicht jede Ernte war perfekt. Dafür bedrohte ein einzelner Sturm nicht mehr alles zugleich.
Der Wirbelwind erhielt ein eigenes kleines Tor am Spielplatz. Dort durfte er Drachen steigen lassen und Hüte stehlen, solange er die Dächer in Ruhe ließ. Meist hielt er sich daran.
Alva wurde Hüterin der Windtore. Sie behauptete nie, die sieben Winde zu beherrschen. Sie hörte ihnen zu und erinnerte das Dorf daran, dass Schutz beweglich bleiben musste.
Noch heute stehen die Tore im Wall. Über jedem ist ein Zeichen eingeschnitzt. Besucher fragen, welches der wichtigste Wind sei. Alva zeigt dann ins Tal, wo Blätter, Wolken und Düfte gleichzeitig ziehen. „Der wichtigste“, sagt sie, „ist selten einer allein. Es ist der Wechsel, der alle atmen lässt.“

