Silas gärtnete in Nebelhain, wo jeden Morgen dichter Nebel zwischen den Häusern lag. Er fing ihn mit feinen Netzen auf und goss damit leere Beete. Daraus wuchsen durchscheinende Pflanzen. Jede entstand aus einem Traum, den jemand im Dorf nicht verwirklicht hatte.
Aus Frau Kralls Wunsch nach einer Reise wuchs eine blaue Ranke. Der nie gegründete Chor wurde zu einem Beet aus singenden Glockenblumen. Silas pflegte alles sorgfältig, doch die Pflanzen blieben blass und trugen keine Samen.
Die Dorfbewohner besuchten den Garten gern. Sie betrachteten ihre Träume, gingen danach aber nach Hause. Silas merkte, dass der Nebelgarten immer größer wurde, während das Dorf unverändert blieb. Die unerfüllten Wünsche zogen Kraft aus dem Boden.
Eines Morgens brachen mehrere Beete zusammen. Silas rief die Besitzer. „Ein Traum kann nicht ewig nur angesehen werden“, sagte er. „Entweder ihr gebt ihm Erde im wirklichen Leben oder ihr lasst ihn gehen.“
Frau Krall musste keine Weltreise beginnen. Sie plante zunächst einen Tagesausflug. Die blaue Ranke bekam feste Blätter. Fünf Menschen trafen sich zum Singen, auch wenn sie noch kein Chor waren. Die Glockenblumen bildeten Samen.
Andere Träume wurden bewusst verabschiedet. Herr Behn wollte nicht länger an einer Karriere festhalten, die er nur wegen seines Vaters verfolgt hatte. Seine hohe Nebelpappel löste sich auf. An ihrer Stelle blieb freie Erde, in die er Küchenkräuter pflanzte.
Silas öffnete den Garten für gemeinsames Arbeiten. Neben jedem Nebelbeet entstand ein kleines Schild mit einem möglichen ersten Schritt. Niemand musste einen Traum vollständig erfüllen. Aber jede Pflanze brauchte Entscheidung, Handlung oder Loslassen.
Mit den Jahren wurde der Garten kleiner und kräftiger. Einige Gewächse wanderten in private Gärten. Andere blieben als Erinnerung an Wege, die nicht mehr passten. Der Morgennebel lichtete sich früher, weil weniger unentschiedene Wünsche darin hingen.
Silas sammelt noch immer Nebel. Neue Träume entstehen schließlich jeden Tag. Wenn eine durchscheinende Pflanze aus der Erde kommt, fragt er nicht sofort nach einem großen Plan. Er reicht dem Besitzer eine kleine Schaufel und sagt: „Zeig mir, wie viel Wirklichkeit du ihr heute geben kannst.“ Oft genügt eine Handvoll Erde, damit ein blasser Anfang zum ersten Mal einen eigenen Schatten wirft.

