Hummelstedt veranstaltete die erste Meisterschaft der Langsamkeit. Gewonnen hatte, wer den Dorfplatz zuletzt überquerte, ohne stehenzubleiben. Die Idee stammte vom gestressten Apotheker, der meinte, alle müssten dringend einen Gang herunterschalten.
Am Wettkampftag erschienen achtzig Teilnehmer. Einige trugen Hausschuhe, andere hatten wochenlang langsames Gehen trainiert. Als Schiedsrichterin wurde Schnecke Hildegard eingesetzt. Sie saß in einem Terrarium und galt als unbestechlich.
Der Startschuss fiel. Niemand bewegte sich sichtbar. Nach zehn Minuten behauptete Herr Bock, seine Nachbarin stehe heimlich. Die Nachbarin warf ihm unerlaubtes Rückwärtswackeln vor. Das Kampfgericht musste Zeitlupenaufnahmen prüfen. Die Meisterschaft, die Ruhe bringen sollte, wurde immer hektischer.
Ein Sportverein setzte Spezialschuhe ein, die jeden Schritt bremsten. Der Bürgermeister ließ sich von einem starken Gegenwind anblasen. Zwei Teilnehmer bewegten sich so langsam, dass vor ihnen Gras zu wachsen begann. Hildegard hatte derweil ihr Salatblatt erreicht.
Dann rollte der Eiswagen auf den Platz. Alle mussten entscheiden, ob sie ihre Position aufgaben. Die meisten blieben ehrgeizig. Nur die zwölfjährige Fenja ging normal zum Wagen, kaufte zwei Eis und stellte eines neben Hildegard.
Die Schnecke verließ daraufhin ihr Terrarium. Sie kroch in Richtung Eis. Die Schiedsrichter erklärten, das sei ein offizieller Protest. Fenja behauptete, Hildegard wolle zeigen, dass Langsamkeit nicht bedeute, Chancen zu verpassen.
Nach vier Stunden war niemand am Ziel. Die Teilnehmer waren müde, gereizt und hatten Rückenschmerzen. Fenja schlug vor, gemeinsam in normalem Tempo zu Ende zu gehen. Einer nach dem anderen stimmte zu. Der Wettbewerb endete ohne menschlichen Sieger.
Hildegard erreichte am Abend als Einzige regelgerecht die Ziellinie. Sie erhielt einen Pokal aus Gurke. Hummelstedt beschloss, die Meisterschaft jährlich zu wiederholen, allerdings ohne Wertung. Menschen spazierten langsam, machten Pausen und aßen rechtzeitig Eis.
Der Apotheker war zufrieden. Er hatte nicht weniger Arbeit, aber nun eine Bank vor dem Laden. Dort saß er manchmal zehn Minuten, ohne daraus einen Wettbewerb zu machen.
Hildegard verteidigte ihren Titel nie. Sie war nicht langsam, um zu gewinnen. Sie war langsam, weil das ihr richtiges Tempo war – eine Feinheit, die Hummelstedt erst nach sehr viel hektischer Organisation verstanden hatte.

