Liv sah Gefühle als Farben. Freude war selten einfach gelb; sie bestand aus Honig, hellem Grün und manchmal einem dünnen Silberrand. Angst war nicht schwarz, sondern ein flackerndes Violett. Für Abschied verwendete Liv immer Grau.
Als ihre beste Freundin Ana in eine ferne Stadt ziehen wollte, begann Liv ein Abschiedsbild. Sie malte den Bahnhof, den Koffer und zwei Figuren. Alles wurde grau. Ana betrachtete das Bild und sagte: „So fühlt es sich für mich nicht an.“
Liv war verletzt. Sie glaubte, Farben besser zu verstehen als andere. Doch in den folgenden Tagen beobachtete sie genauer. Beim Packen sah sie in Ana ein aufgeregtes Orange. Zwischen ihnen lag Traurigkeit in tiefem Blau, aber auch goldene Linien aus gemeinsamen Jahren. Manchmal blitzte sogar Erleichterung auf, weil Ana lange von diesem Schritt geträumt hatte.
Liv mischte neue Töne. Keiner blieb stabil. Das Blau kippte ins Grüne, Gold verschwand unter Rot. Sie wurde wütend auf die Palette. Ana setzte sich daneben und malte selbst einen kleinen weißen Fleck in die Mitte. „Für das, was wir noch nicht wissen“, sagte sie.
Am Bahnhof war der Abschied weder schön noch schrecklich. Sie weinten, lachten über einen zu schweren Koffer und vergaßen beinahe die Abfahrt. Als der Zug fort war, sah Liv die Farbe endlich: ein bewegtes Gemisch, das je nach Licht anders erschien. Es hatte keinen Namen.
Sie vollendete das Bild nicht. Sie schickte es Ana, zusammen mit Farbstiften. Jeden Monat ergänzte eine von ihnen etwas: ein neues Fenster, eine Bahnstrecke, einen Kaffeefleck, später zwei weitere Figuren aus neuen Freundschaften. Das Bild reiste hin und her.
Nach Jahren war vom ursprünglichen Grau kaum etwas übrig. Der Abschied blieb sichtbar, aber er war nicht das Ende der Komposition. Liv begann, auch in anderen Bildern namenlose Übergangsfarben zuzulassen.
In ihren Kursen fragt sie Menschen nie mehr: „Welche Farbe hat Trauer?“ Sie fragt: „Welche Farben sind heute darin?“ Die Antworten ändern sich.
Ana wohnt noch immer weit weg. Wenn sie zu Besuch kommt, stellen sie das alte Bild zwischen sich. Es ist inzwischen so vielschichtig, dass keine den ersten Grauton wiederfindet. Liv vermisst ihn nicht. Manche Farben entstehen nur, weil ein Abschied Platz für Licht aus mehreren Richtungen lässt.

