Drei handgeschriebene Briefe liegen auf einem Tisch neben Fotos aus verschiedenen Lebensjahren

Drei Briefe an mein früheres Ich

Maren schrieb den ersten Brief an sich selbst mit sechzehn. Sie entschuldigte sich dafür, wie lange sie geglaubt hatte, dieses unsichere Mädchen müsse mutiger, klüger und schöner werden. Den zweiten schrieb sie an die junge Mutter, die ständig müde war. Der dritte ging an die Frau, die mit vierzig ihre Arbeit verlor.

Sie legte die Briefe in eine alte Schreibtischschublade. Am nächsten Morgen lagen dort Antworten.

Die Sechzehnjährige schrieb: Hör auf, mich nur als unfertig zu sehen. Ich habe damals schon Entscheidungen getroffen, vor denen du heute noch Angst hättest. Die junge Mutter fragte, warum Maren sich nur an Erschöpfung erinnere und nicht an die erfundenen Lieder in der Küche. Die arbeitslose Frau antwortete knapp: Du musst mich nicht retten. Ohne mich wärst du nie umgezogen.

Maren war verblüfft. Sie hatte ihre Vergangenheit wie eine Reihe schwächerer Personen behandelt, die auf ihr heutiges Wissen warteten. Die Antworten zeigten andere Kräfte. Ihr früheres Ich war nicht nur Vorstufe, sondern jeweils ein ganzer Mensch mit begrenztem Wissen und eigenen Fähigkeiten gewesen.

Sie schrieb zurück. Mit der Sechzehnjährigen stritt sie über eine alte Freundschaft. Der jungen Mutter dankte sie für die Lieder. Die Frau mit vierzig wollte wissen, ob Maren inzwischen weniger Angst vor Neuanfängen habe. Darauf fand sie keine ehrliche schnelle Antwort.

Die Briefe wechselten mehrere Wochen die Schublade. Dann blieben neue Antworten aus. Stattdessen lag ein leeres Blatt darin, adressiert an Maren mit siebzig. Sie war erst achtundfünfzig.

Sie begann zu schreiben, hielt aber inne. Was sollte sie einer Zukunft erklären, die vielleicht ebenso wenig gerettet werden wollte? Schließlich notierte sie nur Fragen: Woran hältst du fest? Was hast du losgelassen? Erinnerst du dich an die Küchenlieder?

Den Brief verschloss sie und legte ihn zurück. Die Schublade blieb still. Maren bewahrte die früheren Antworten in einem Ordner auf. Wenn sie einen alten Fehler verurteilte, las sie darin. Nicht um alles zu entschuldigen, sondern um vollständiger hinzusehen.

An ihrem sechzigsten Geburtstag lag ein neuer Umschlag in der Schublade. Die Handschrift war älter als ihre. Maren öffnete ihn noch nicht. Manche Gespräche über Zeiten hinweg mussten nicht sofort geführt werden. Es genügte, zu wissen, dass keine Version von ihr nur auf ein späteres Urteil wartete.