Unter einer hölzernen Seebrücke lauscht ein Mädchen zwischen Pfählen dem flüsternden Meer

Das Flüstern unter der Seebrücke

Bei Niedrigwasser kroch Lea gern unter die Seebrücke. Zwischen den dunklen Pfählen fand sie Münzen, Knöpfe und manchmal eine Sonnenbrille. Eines Morgens hörte sie ein Flüstern. Es kam aus dem Sand: Nicht hier. Weiter links. Lea grub und fand einen goldenen Ring.

Sobald sie ihn berührte, hörte sie eine Männerstimme: Für unseren fünfzigsten Sommer. Danach das Klirren eines Glases und einen erschrockenen Ruf. Der Ring war nicht einfach verloren gegangen. Er erinnerte sich an den Augenblick seines Verschwindens.

Lea probierte es mit anderen Fundstücken. Ein Schlüssel murmelte eine Zimmernummer, eine Spielzeuglokomotive ahmte das Lachen eines Kindes nach, und ein silberner Knopf beschwerte sich über einen viel zu engen Mantel. Lea richtete im Schuppen ihres Vaters ein Fundbüro ein. Mit Hilfe der Stimmen brachte sie erstaunlich viele Dinge zurück.

Der Ring blieb schwierig. Im Ort kannte niemand die Stimme. Erst die Wirtin des Strandcafés erinnerte sich an ein Paar, das jeden Juli am Fenster gesessen hatte. Der Mann war im Winter gestorben. Seine Frau Ruth war seitdem nicht mehr gekommen. Die Wirtin hatte nur eine alte Postkarte mit ihrer Adresse.

Lea schrieb einen Brief. Zwei Wochen später stand Ruth unter der Seebrücke. Sie trug Gummistiefel und wirkte, als koste jeder Schritt Kraft. Als Lea ihr den Ring gab, flüsterte er wieder: Für unseren fünfzigsten Sommer. Ruth schloss die Hand darum. „Er wollte mich überraschen“, sagte sie. „Dann war der Ring weg, und wir stritten uns ausgerechnet an unserem letzten Urlaubstag.“

Sie setzte sich in den Sand und lachte plötzlich. Ihr Mann habe behauptet, eine besonders dreiste Möwe habe den Ring gestohlen. Nun stellte sich heraus, dass er beim Anstoßen vom Tisch gerollt war. Die Wahrheit war weniger romantisch, aber viel freundlicher als der alte Streit.

Ruth schenkte Lea die Spielzeuglokomotive, deren Besitzer nicht gefunden worden war. „Vielleicht braucht sie eine neue Reise.“ Von da an stand sie im Fundbüro. Wenn Kinder hereinkamen, ließ sie ein leises Lachen hören.

Die Seebrücke wurde später erneuert. Während der Arbeiten verstummten die Gegenstände. Lea fürchtete, die Stimmen seien verschwunden. Doch nach dem ersten Herbststurm flüsterte ein alter Kompass im Sand: Weiter rechts. Da wusste sie, dass das Meer noch viele Geschichten aufbewahrte und nicht alle für immer behalten wollte.