Ida kaufte den roten Mantel auf einem Flohmarkt am Hafen. Er war alt, schwer und roch trotz mehrerer Wäschen nach Meer. Nach ihrem ersten Spaziergang im Nebel entdeckte sie weiße Linien auf dem Stoff. Salzkristalle hatten sich zu einer Karte geordnet: Küste, Fahrrinne und ein Kreuz weit draußen im Watt.
Ihre Großmutter erkannte die Stelle. Dort war 1952 der Frachter Alwine auf Grund gelaufen. Das Schiff wurde später abgeschrieben, doch ein Teil der Ladung blieb verschwunden. Idas Urgroßvater hatte als junger Bergungstaucher gearbeitet und danach nie wieder über die Alwine gesprochen.
Bei der nächsten Springebbe folgte Ida der Karte. Sobald sie falsch ging, lösten sich Kristalle vom Mantel; auf dem richtigen Weg glitzerten sie heller. Hinter einer Sandrippe ragte ein schwarzes Stück Holz aus dem Schlick. Darunter fand Ida keine Schatzkiste, sondern eine kleine Metallkassette. Darin lagen Briefe, sorgfältig in Wachstuch gewickelt.
Sie stammten von polnischen Familien, die nach dem Krieg getrennt worden waren. Ein Hilfsverein hatte sie mit der Alwine nach Norden schicken wollen. Idas Urgroßvater hatte die Kassette geborgen, aber nicht zustellen können. In seinem letzten Brief erklärte er, er habe sie aus Angst vor Behörden und Vorwürfen versteckt. Der rote Mantel hatte einer jungen Kurierin gehört, die beim Unglück geholfen hatte.
Ida brachte die Briefe ins Küstenarchiv. Gemeinsam mit Historikern suchte sie nach Angehörigen. Viele Empfänger lebten nicht mehr, doch einige Familien erhielten nach mehr als siebzig Jahren Nachrichten, von deren Existenz sie nichts gewusst hatten. Eine Frau aus Danzig erkannte auf einem Foto den Mantel ihrer Großtante.
Ida gab ihn zurück. Beim Abschied war der Stoff vollkommen frei von Salz. Die Frau strich über den Kragen und sagte, ihre Großtante habe immer behauptet, wichtige Post finde irgendwann ihren Weg.
Wochen später hing an Idas Garderobe ein schlichter blauer Regenmantel. Nach einem Spaziergang entdeckte sie auf dem Ärmel drei kleine Salzkristalle. Sie bildeten keine Karte, nur einen Pfeil zur Innentasche. Darin steckte ein Umschlag aus Danzig mit Kopien der beantworteten Briefe.
Ida bewahrte ihn bei den Familienunterlagen auf. Nicht jedes Geheimnis, dachte sie, wolle verborgen bleiben. Manche warteten nur auf jemanden, der bereit war, den letzten Weg durch das Watt zu gehen.

