Ein Bürgermeister steht auf dem Marktplatz, während sein Schatten selbstständig vor einer Menge spricht

Der Bürgermeister verliert seinen Schatten

Bürgermeister Wendt verlor seinen Schatten während einer besonders langen Rede. Nach siebenundvierzig Minuten löste sich die dunkle Gestalt von seinen Schuhen, gähnte und ging nach Hause. Zunächst bemerkte es niemand, weil die Zuhörer ebenfalls verschwunden waren.

Am nächsten Morgen hielt der Schatten eine eigene Rede auf dem Marktplatz. Er sprach kurz, machte verständliche Pausen und beantwortete Fragen. Die Bürger waren begeistert. Wendt verlangte, der Schatten solle sofort zurückkehren. Dieser verschränkte die Arme.

Ohne Schatten wirkte der Bürgermeister auf Fotos merkwürdig flach. Mit dem selbstständigen Schatten hingegen ließen sich alle ablichten. Er half beim Tragen von Kisten, spielte mit Kindern und erschien pünktlich zu Sitzungen. Bald schlug jemand vor, ihn bei der nächsten Wahl aufzustellen.

Wendt wurde nervös. Er versuchte, einen künstlichen Schatten aus schwarzem Stoff zu tragen. Bei Wind wickelte er sich darin ein. Ein gemalter Schatten auf dem Boden funktionierte nur, solange er stillstand.

Schließlich traf er seinen echten Schatten im Park. „Was willst du?“, fragte Wendt.

Der Schatten zeigte auf eine Bank. Wendt setzte sich. Zum ersten Mal seit Jahren blieb er eine Stunde ohne Termin sitzen. Er erkannte, dass sein Schatten stets dort hatte sein müssen, wo er selbst hinwollte: bei endlosen Empfängen, auf Bühnen, unter grellem Licht. Nie hatte Wendt gefragt, ob er eigentlich müde war.

Sie handelten einen Vertrag aus. Der Schatten kehrte werktags zurück, erhielt aber freie Abende und das Recht, Reden nach zehn Minuten zu verlassen. Wendt musste jede Woche einen Termin streichen und einmal zuhören, ohne sofort zu antworten.

Die Vereinbarung wirkte. Wendt sprach kürzer. Der Schatten blieb häufiger. Bei besonders leeren Versprechen hob er allerdings warnend einen Finger, was das Publikum sehr schätzte.

Zur nächsten Wahl trat der Schatten nicht an. Er erklärte, er wolle keine eigene politische Karriere, sondern nur bessere Arbeitsbedingungen. Wendt wurde knapp wiedergewählt.

Seitdem hängen im Rathaus zwei Garderobenhaken: einer für den Mantel, einer für den Schatten. Besucher halten das für Dekoration. Mitarbeiter wissen, dass beides vor langen Sitzungen abgelegt werden darf. Nur bei Haushaltsreden sitzt der Schatten vorsichtshalber nahe der Tür.