Ein Nachtwächter steigt aus einem Fahrstuhl auf einen geheimnisvollen dreizehnten Mond

Der Fahrstuhl zum dreizehnten Mond

Im höchsten Gebäude der Stadt gab es zwölf Aufzüge und hundertzwanzig Stockwerke. Jonas kannte jeden. Er war Nachtwächter und verbrachte seine Schichten damit, Türen zu prüfen und mit den Reinigungsrobotern zu reden. Eines Nachts erschien unter der Taste für das Erdgeschoss ein neuer Knopf: ein kleiner silberner Kreis.

Jonas drückte ihn. Der Fahrstuhl fuhr länger als möglich nach oben. Als sich die Tür öffnete, stand er auf einem Mond. Silbernes Gras bewegte sich ohne Wind, und über ihm hing die Erde wie eine blaue Lampe.

Eine Frau mit einem Mantel aus Sternenstaub erwartete ihn. „Willkommen auf dem dreizehnten Mond“, sagte sie. „Hier landen Dinge, die auf der Erde keinen Platz mehr haben.“

Hinter ihr lagen vergessene Geräusche: das Rattern alter Filmprojektoren, ausgestorbene Vogelrufe, das Klingeln von Telefonen mit Wählscheibe. In Tälern wuchsen verlorene Wörter. Auf einem Hügel standen die letzten Exemplare verschwundener Träume.

„Warum darf niemand von diesem Mond wissen?“

„Weil Menschen alles zurückhaben wollen, sobald sie erfahren, dass es noch existiert.“

Jonas durfte eine Stunde bleiben. Er fand das Lachen seines Bruders, der als Kind gestorben war. Es hüpfte wie ein heller Ball zwischen Felsen. Jonas wollte es einstecken, doch die Frau hielt ihn zurück. „Wenn du es mitnimmst, wird es auf der Erde wieder verschwinden. Hier ist es sicher.“

Jonas setzte sich ins silberne Gras und hörte zu. Das Lachen war nicht traurig. Es brauchte ihn nicht, um weiterzuklingen. Diese Erkenntnis schmerzte und tröstete zugleich.

Vor der Rückfahrt gab ihm die Frau einen leeren Glaswürfel. „Bring uns etwas, das eure Welt freiwillig loslassen kann.“

Jonas überlegte lange. Schließlich legte er seinen Groll hinein. Seit Jahren war er wütend auf das Krankenhaus, auf seine Eltern, auf sich selbst. Der Würfel füllte sich mit schwarzem Rauch. Auf dem Mond verwandelte sich der Rauch in eine dunkle Blume.

Von da an fuhr Jonas einmal im Monat hinauf. Er brachte Dinge, die Menschen nicht mehr tragen wollten: einen alten Streit, die Angst vor einem längst vergangenen Prüfungstag, die Scham über einen Fehler. Der dreizehnte Mond bewahrte sie, bis sie zu Blumen, Steinen oder harmlosen Geräuschen geworden waren.

Als das Hochhaus später abgerissen wurde, verschwand der silberne Knopf. Jonas suchte ihn nie. Er wusste, der Mond brauchte keinen Fahrstuhl, um zu existieren. In klaren Nächten blickte er hinauf. Zwischen den zwölf bekannten Monden des alten Märchenkalenders glaubte er manchmal einen weiteren zu sehen – klein, dunkel und voller Dinge, die endlich leicht geworden waren.