Felix entdeckte die Stadt, als er im Garten einen Schneemann bauen wollte. Unter der ersten Schneeschicht stieß seine Schaufel auf ein Dach. Es war kaum größer als ein Schuhkarton. Darunter verliefen Straßen, leuchteten Fenster und fuhren winzige Straßenbahnen durch Tunnel aus Eis.
Die Bewohner schrien, als Felix den Himmel öffnete. Eine Frau in silberner Uniform kletterte auf eine Leiter. „Decke sofort den Schnee wieder zu!“, rief sie. „Das Licht ist gefährlich.“
Felix legte vorsichtig eine Schneescholle zurück, ließ aber eine kleine Öffnung. Die Frau stellte sich als Bürgermeisterin Frosta vor. Ihre Stadt hieß Nivalis und existierte nur im Winter. Sobald der Frühling kam, zogen sich die Bewohner in unterirdische Kammern zurück und schliefen bis zum nächsten Schnee.
Dieses Jahr jedoch war ihre Kältemaschine kaputt. Ohne sie würde Nivalis schmelzen, bevor alle Schutzräume geschlossen waren. Felix holte Werkzeug aus der Garage. Die Maschine bestand aus Zahnrädern, Eiskristallen und einem Thermometer, das rückwärts zählte. Ein winziger Mechaniker erklärte ihm aufgeregt, das Herzstück fehle: ein Stück „freiwillige Kälte“.
„Was soll das sein?“
„Kälte, die jemand abgibt, obwohl er Wärme behalten könnte.“
Felix dachte an seine neue Winterjacke. Seine Großmutter hatte sie ihm geschenkt. Er zog sie aus und legte sie über die Stadtöffnung. Der Stoff hielt den kalten Wind fest. Ein blauer Funke sprang aus dem Ärmel in die Maschine. Sie begann zu summen.
Doch nun fror Felix erbärmlich. Frosta schickte hundert Bewohner mit winzigen Decken. Sie waren so klein, dass Felix sie kaum spürte. Gemeinsam jedoch wärmten sie seine Hände. Bis zum Abend arbeiteten Menschen und Junge Seite an Seite. Alle Schutzräume wurden rechtzeitig versiegelt.
Am nächsten Morgen war Nivalis verschwunden. Im Garten lag nur seine gefrorene Jacke. In der Tasche fand Felix eine winzige silberne Fahrkarte.
Der Sommer kam. Felix erzählte niemandem von der Stadt, nicht einmal seiner Großmutter, die sich nur wunderte, warum ihre Jacke nach Pfefferminze roch. Als im Dezember der erste Schnee fiel, legte Felix die Fahrkarte auf den Boden.
Sofort hielt eine winzige Straßenbahn vor seinem Stiefel. Frosta winkte aus dem Führerhaus. Die Bewohner hatten eine Haltestelle mit seinem Namen gebaut. Felix durfte als erster großer Mensch Nivalis besuchen. Für die Fahrt wurde er auf Daumengröße geschrumpft.
Seitdem freut er sich nicht nur auf Schnee wegen Schlitten und Ferien. Er wartet auf das leise Klingeln unter der weißen Decke. Und wenn der Winter zu warm wird, legt er seine Jacke noch immer für eine Nacht in den Garten – freiwillige Kälte, sorgfältig geteilt.

