Elvira reparierte Schatten. Manche waren an scharfen Erinnerungen eingerissen, andere durch langes Verstecken ausgebleicht. Kinder brachten Schatten mit abgebrochenen Ohren, Erwachsene solche, die ihnen nicht mehr folgen wollten. Elvira nähte sie mit Silberfaden, füllte Löcher mit Abenddunkel und berechnete faire Preise.
Nur ihren eigenen Schatten beachtete sie nie. Er war zu lang, selbst am Mittag, und bewegte sich manchmal einen Herzschlag später als sie.
Eines Tages kam ein kleines Mädchen in die Werkstatt. Ihr Schatten hatte keine Hände. „Meine Mutter sagt, ich fasse immer alles falsch an“, erklärte sie.
Elvira suchte passende Hände in ihrer Schublade, fand aber keine. Also bat sie den Schatten des Mädchens, selbst zu zeigen, was ihm fehlte. Er zeichnete mit seinen Armstümpfen eine Katze, eine Pflanze und zwei Menschen, die sich hielten.
„Du brauchst keine anderen Hände“, sagte Elvira. „Du brauchst jemanden, der sieht, was deine können.“ Sie nähte die unsichtbaren Hände mit rotem Faden nach. Das Mädchen ging glücklich fort.
In der Nacht stand Elviras eigener Schatten allein auf. Er öffnete eine verschlossene Truhe. Darin lagen die Werkzeuge ihres Vaters, ebenfalls ein Schattenmacher. Elvira hatte seit seinem Tod behauptet, nichts von ihm behalten zu wollen. Tatsächlich hatte sie die Truhe nie geöffnet.
Der Schatten nahm einen kleinen Spiegel heraus. Darin sah Elvira den letzten Streit mit ihrem Vater. Sie hatte ihm vorgeworfen, seine Arbeit sei wichtiger als sie. Er war gegangen, bevor sie sich entschuldigen konnte. Seitdem trug ihr Schatten all die Worte, die sie nicht mehr sagen konnte.
Elvira legte ihn auf den Arbeitstisch. Zum ersten Mal untersuchte sie die dunkle Fläche. Sie war voller feinster Risse. Einige konnte sie nähen. Andere gehörten zu ihm wie Narben zu einer Hand.
Am Morgen hing Elvira den Spiegel ins Schaufenster. Menschen, die hineinsahen, erkannten nicht ihr Gesicht, sondern eine Stelle ihres Schattens, die Aufmerksamkeit brauchte. Manche betraten den Laden. Andere gingen schnell weiter.
Elviras Schatten blieb zu lang. Aber er bewegte sich nun gleichzeitig mit ihr. Wenn die Sonne tief stand, glaubte sie manchmal, darin die Gestalt ihres Vaters zu sehen. Sie sprach dann laut mit ihm, erzählte von schwierigen Reparaturen und von dem Mädchen mit den Händen.
Die Leute hielten Elvira für etwas wunderlich. Das störte sie nicht. Wer täglich mit Schatten arbeitet, weiß, dass Heilung selten bedeutet, wieder genauso auszusehen wie vorher. Meist bedeutet sie, dass Licht durch die geflickten Stellen fallen darf, ohne alles auseinanderzureißen.

