Der Zug hielt nur bei Vollmond am stillgelegten Bahnhof von Falkenried. Er hatte keine Nummer, keine Lokführerin und silberne Wagen, in denen die Lampen wie kleine Monde leuchteten. Auf dem Bahnsteig wartete seit zwölf Jahren Herr Bergmann.
Seine Frau hatte an einem Winterabend den letzten gewöhnlichen Zug genommen. Vor der Abfahrt hatten sie gestritten. Herr Bergmann war nicht zum Abschied gekommen. Später verunglückte der Zug in einem Schneesturm. Seitdem hoffte er auf den Vollmondzug, von dem eine alte Fahrkarte erzählte.
In der zwölften Nacht öffnete sich endlich eine Tür. Der Schaffner trug eine Maske aus weißem Papier. „Eine Station, ein verpasster Augenblick“, sagte er. „Nichts darf mit zurück.“
Im Wagen saßen Menschen mit ähnlichen Hoffnungen. Eine Frau wollte die Geburt ihres Sohnes erleben, die sie wegen einer Operation verpasst hatte. Ein Musiker wollte den Abend hören, an dem sein Vater zum letzten Mal sang. Ein Kind suchte einen verlorenen Hund.
Der Zug fuhr durch Dunkelheit. An jedem Halt stieg jemand aus und kehrte wenige Minuten später verändert zurück – manchmal lächelnd, manchmal weinend. Dann kam Herr Bergmanns Station.
Er stand wieder im verschneiten Bahnhof vor zwölf Jahren. Seine Frau saß bereits im Zug. Er klopfte ans Fenster. Sie öffnete es einen Spalt.
Herr Bergmann hatte sich all die Jahre eine perfekte Rede zurechtgelegt. Nun fiel ihm nur ein Satz ein: „Ich war ein Idiot.“
Seine Frau lachte. „Das ist immerhin wahr.“
Er bat sie auszusteigen. Doch sie schüttelte den Kopf. „Du bist nicht hier, um die Geschichte zu ändern.“
„Dann wozu?“
„Damit unser letzter Augenblick nicht nur aus Zorn besteht.“
Sie legten die Hände an dieselbe Stelle der Scheibe. Herr Bergmann erzählte, dass die Rosen im Garten endlich blühten und ihre Schwester jeden Sonntag anrief. Seine Frau sagte, sie habe ihn trotz des Streits geliebt. Dann pfiff der Vollmondzug.
Herr Bergmann stieg wieder ein. Er durfte nichts mitnehmen, doch in seiner Manteltasche fand er später ein einzelnes Schneekorn, das nicht schmolz. Vielleicht war es kein Gegenstand, sondern nur ein Augenblick, der eine Form angenommen hatte.
Am nächsten Vollmond wartete Herr Bergmann nicht am Bahnhof. Er saß bei der Schwester seiner Frau und spielte Karten. Der silberne Zug fuhr ohne Halt vorbei.
Noch viele Menschen warten in Falkenried auf ihn. Manche nur eine Nacht, manche Jahre. Der Zug kommt nicht, wenn man die Vergangenheit ändern will. Er kommt erst, wenn man bereit ist, ihr zuzuhören – und danach wieder in das eigene Leben einzusteigen.

