In Santa Aurelia hatte es seit neunhundert Tagen nicht geregnet. Die Brunnen waren trocken, die Bäume staubgrau, und die Kinder kannten Pfützen nur aus Bilderbüchern. Dann kam ein Mann mit einem blauen Koffer auf den Marktplatz und stellte ein Schild auf: „Regen zu verschenken.“
Die Bürgermeisterin vermutete Betrug. Der Mann, der sich Nilo nannte, öffnete den Koffer. Eine kleine Wolke stieg heraus, schwebte über einen Blumentopf und ließ genau zwölf Tropfen fallen. Eine vertrocknete Geranie richtete sich auf.
„Wie viel kostet ein richtiger Schauer?“, fragte die Bürgermeisterin.
„Nichts. Aber ich verschenke Regen nur für einen ehrlichen Wunsch.“
Die reichste Familie der Stadt wünschte Regen für ihren Pool. Nilo schüttelte den Kopf. Ein Hotelbesitzer wollte grünen Rasen für seine Gäste. Kein Tropfen. Erst ein Mädchen namens Luz trat vor. „Ich wünsche mir Regen, damit meine Großmutter wieder den Geruch nasser Erde riechen kann.“
Nilo hob den Kofferdeckel. Eine Wolke zog zum Haus der Großmutter und regnete eine Stunde lang über ihren kleinen Hof. Die alte Frau saß lächelnd unter dem Vordach.
Nun kamen viele Menschen. Ein Bauer bat um Wasser für seine Olivenbäume. Eine Lehrerin wünschte eine Pfütze, damit ihre Schüler Frösche zeichnen konnten. Ein Junge wollte, dass der Staub vom Grab seines Vaters gewaschen würde. Für jeden ehrlichen Wunsch schickte Nilo eine Wolke los.
Doch die Stadt wurde nicht insgesamt grüner. Jeder bewachte seinen eigenen Regen. Zwischen nassen Gärten blieben trockene Straßen. Die Menschen begannen zu streiten, wessen Wunsch ehrlicher gewesen sei.
Luz setzte sich neben Nilos Koffer. „Warum lassen Sie es nicht überall regnen?“
„Weil Regen geteilt werden muss, bevor er fallen kann.“
Luz ging zur stillgelegten Zisterne im Zentrum. Sie öffnete das rostige Gitter und stellte einen Eimer darunter. Dann bat sie alle, einen Teil ihres Regens hineinzuschütten. Zuerst kam nur ihre Großmutter. Danach die Lehrerin, der Bauer, der Junge vom Friedhof. Schließlich brachte selbst der Hotelbesitzer Wasser aus seinem Rasensprenger.
Als der erste Tropfen die Zisterne füllte, wurde Nilos Koffer leicht. Hunderte Wolken stiegen heraus und verbanden sich über Santa Aurelia. Drei Tage regnete es. Nicht heftig, sondern geduldig. Das Wasser füllte Brunnen und Rinnen, dunkelte die Erde und trommelte auf jedes Dach, ohne nach Besitz zu fragen.
Am vierten Morgen war Nilo verschwunden. Sein blauer Koffer stand offen auf dem Marktplatz. Darin lag nur ein Zettel: „Regen gehört niemandem. Darum reicht er für alle.“
Die Stadt baute neue Sammelbecken und teilte das Wasser. Und wenn eine lange Trockenzeit kam, erzählten die Menschen von Luz, die gelernt hatte, dass ein ehrlicher Wunsch erst dann groß genug ist, wenn auch ein Fremder darin Platz hat.

