Eine Frau mit rotem Regenschirm in einer regennassen Gasse von Kyoto

Der rote Regenschirm von Kyoto

Akiko kaufte den roten Regenschirm in einem Laden, der am nächsten Tag nicht mehr existierte. Der Händler hatte nur gesagt: „Er schützt nicht vor Regen. Er schützt vor verpassten Begegnungen.“

Beim ersten Schauer zog der Schirm Akiko nach links, obwohl ihr Büro rechts lag. Sie kämpfte gegen den Griff, verlor und landete vor einem kleinen Tempel. Unter dem Dach stand ein älterer Mann, der seinen Geldbeutel verloren hatte. Akiko bezahlte ihm die Busfahrt. Zwei Wochen später erkannte sie ihn als den pensionierten Musiklehrer, den ihre Nichte dringend suchte.

Beim zweiten Regen führte der Schirm sie in ein Teehaus. Dort saß ihre frühere Schulfreundin Emi, mit der sie seit einem dummen Streit kein Wort gesprochen hatte. Der Schirm klappte von selbst zu und ließ Akiko keine Ausrede. Das Gespräch begann steif, endete aber mit Lachen.

Akiko begann den Regen zu lieben. Sie hoffte auf große, schicksalhafte Begegnungen. Vielleicht würde der Schirm sie zu einer neuen Liebe oder zu einem verborgenen Schatz führen. Stattdessen brachte er sie zu einem Kind mit kaputtem Fahrrad, einer Touristin ohne Orientierung und einem Hund, der seinen Besitzer suchte.

„Du verschwendest meine Zeit“, schimpfte Akiko eines Abends.

Der Schirm drehte sich im Wind und führte sie zu einer Brücke. Dort stand eine junge Frau am Geländer. Sie weinte lautlos. Akiko wusste nicht, was sie sagen sollte. Also stellte sie sich nur neben sie und hielt den roten Schirm über beide.

Nach einer langen Weile erzählte die Frau, sie heiße Hana und habe gerade erfahren, dass ihre Krankheit zurückgekehrt sei. Akiko gab keine Ratschläge. Sie blieb, bis Hanas Bruder kam.

Von da an trafen sie sich regelmäßig. Hana konnte den Schirm nicht sehen – für sie hielt Akiko einfach einen gewöhnlichen roten Schirm. Sie gingen zusammen spazieren, auch bei Sonne. Ein Jahr später starb Hana. Bei der Abschiedsfeier regnete es, und Akiko hielt den Schirm über Hanas Bruder.

Danach zog er nie wieder an ihrem Arm. Akiko dachte, seine Magie sei verbraucht. Eines Tages sah sie im Regen einen Mann, der ratlos vor einem Fahrkartenautomaten stand. Sie ging freiwillig zu ihm und half. Der Schirm blieb leicht in ihrer Hand.

Akiko begriff, dass er sie nicht mehr führen musste. Sie hatte gelernt, langsamer zu gehen und Menschen wahrzunehmen. Jahre später schenkte sie den roten Schirm einer gestressten jungen Kollegin. „Er hält Regen nur mittelmäßig ab“, sagte sie. „Aber er ist sehr gut darin, Umwege zu finden.“

Am nächsten Morgen war der Laden wieder da – vielleicht für die Kollegin, vielleicht für jemanden, der noch lernen musste, dass manche Begegnungen klein beginnen und trotzdem ein ganzes Leben überspannen.