Über den Dächern von Triest lebte ein Mann, der Wolken sammelte. Signor Bellini besaß Netze aus Messingdraht und hunderte Flaschen mit Korken. In manchen wirbelten winzige Gewitter, in anderen lagen rosa Abendwolken wie Zuckerwatte. Niemand wusste, warum er sie fing. Seit Jahren regnete es kaum noch, und die Menschen schimpften über die immer gleiche blaue Leere am Himmel.
Nur Sofia, die im Haus gegenüber wohnte, beobachtete ihn genau. Eines Morgens kletterte sie über die Feuerleiter auf sein Dach. „Sie stehlen unsere Wolken“, sagte sie.
Bellini setzte sein Netz ab. „Ich rette sie.“
Er führte Sofia in sein Gewächshaus. Dort standen die wertvollsten Flaschen. Eine Wolke roch nach dem ersten Schultag. Eine summte ein Schlaflied. Eine dritte zeigte, wenn man sie gegen das Licht hielt, den Hafen vor hundert Jahren.
„Wolken tragen die Träume einer Stadt“, erklärte Bellini. „Aber die Menschen haben aufgehört, nach oben zu schauen. Unbeachtete Träume werden schwer. Sie fallen ins Meer und lösen sich auf.“
Sofia glaubte ihm nicht, bis er eine dunkelviolette Flasche öffnete. Sofort stand sie auf einer Bühne und spielte Geige, obwohl sie seit Monaten nicht mehr geübt hatte. Ihr Vater saß in der ersten Reihe und weinte vor Stolz. Dann zog Bellini den Korken wieder fest, und Sofia war zurück.
„Das war mein Traum“, flüsterte sie.
„Er trieb gestern über eurem Balkon.“
Sofia sah die vielen Regale. „Wenn Sie alle Träume einsperren, kann niemand sie leben.“
Bellini schwieg. Er hatte die Wolken so lange bewahrt, dass er vergessen hatte, wofür Träume gedacht waren. Gemeinsam trugen sie die Flaschen auf das Dach. Sie öffneten zuerst die kleinen, dann die schweren. Tausende Wolken stiegen über Triest auf. Der Himmel wurde silbern, violett und gold. Menschen blieben auf der Straße stehen. Kellner stellten Tabletts ab, Busfahrer öffneten die Türen, Kinder legten die Köpfe in den Nacken.
Dann begann es zu regnen. Kein gewöhnlicher Regen: Auf jede Person fiel ein Tropfen, der nach einem vergessenen Wunsch schmeckte. Ein Buchhändler erinnerte sich an den Roman, den er schreiben wollte. Eine alte Frau kaufte am nächsten Tag rote Tanzschuhe. Sofias Vater holte die Geige vom Schrank.
Signor Bellini behielt nur eine einzige Flasche. Darin schwamm eine kleine weiße Wolke. Als Sofia fragte, wem sie gehöre, lächelte er. „Mir. Ich wollte immer lernen, wie man loslässt.“
Seit jenem Tag sammelte er keine Wolken mehr. Er reparierte Drachen. Sofia übte wieder Geige, manchmal schief, aber jeden Abend bei offenem Fenster. Und über Triest gab es noch immer blaue Tage – doch nie wieder einen Himmel, den niemand ansah.

