Das Haus in der Rosenstraße 14 war grau, zugig und in allen wichtigen Fragen unzuverlässig. Die Heizung klopfte im Sommer, der Aufzug hielt zwischen den Etagen, und dienstags träumte das Haus.
Beim ersten Mal bemerkte es Frau Özdemir aus dem dritten Stock. Sie öffnete ihre Küchentür und stand in einem Orangenhain. Zwischen den Bäumen hing ihre Wäsche, und aus dem Wasserhahn floss warmer Wind. Im Erdgeschoss führte Herr Brenners Badezimmer plötzlich an einen stillen See. Die Zwillinge im Dachgeschoss fanden hinter ihrem Kleiderschrank eine Treppe zu einem Sternenhimmel, auf dem man barfuß laufen konnte.
Mittwochmorgen war alles wieder normal. Die Bewohner beschlossen, nicht darüber zu reden. In einem Mietshaus gelten seltsame Dinge als weniger gefährlich, wenn niemand sie in die Hausordnung schreibt.
Nur Emil, der neue Hausmeister, stellte Fragen. Er war siebenundzwanzig, trug immer einen Werkzeugkoffer und konnte mit Menschen schlechter umgehen als mit Rohren. Jeden Dienstag ging er von Wohnung zu Wohnung und notierte die Veränderungen. Bald erkannte er ein Muster: Das Haus träumte nicht zufällig. Es baute Räume für Wünsche, die ihre Besitzer nicht auszusprechen wagten.
Frau Özdemir vermisste den Garten ihrer Kindheit. Herr Brenner hatte seit dem Tod seines Mannes Angst vor Stille und sehnte sich zugleich danach. Die Zwillinge wollten Astronautinnen werden, obwohl ihr Vater behauptete, das sei kein vernünftiger Beruf.
Nur bei Emil geschah nichts. Seine kleine Kellerwohnung blieb dienstags genauso feucht und eng wie immer. Er war beinahe beleidigt.
In der siebten Woche hörte er nachts ein Knarren im Treppenhaus. Die Wände rückten auseinander und bildeten einen langen Flur. Am Ende stand eine gelbe Tür. Dahinter wartete keine ferne Landschaft, sondern die Waschküche. Alle Bewohner saßen dort an einem großen Tisch. Es gab Suppe, Musik und einen freien Stuhl für Emil.
„Das soll mein Wunsch sein?“, fragte er das Haus.
Die Rohre klopften zweimal. Ja.
Emil setzte sich. Zuerst sagte niemand etwas. Dann erzählte Herr Brenner einen schlechten Witz. Die Zwillinge planten eine Rakete aus Wäschekörben. Frau Özdemir gab Emil drei Teller Suppe mit und erklärte, zu dünn sei kein Charakterzug.
Von diesem Dienstag an musste das Haus seltener träumen. Frau Özdemir pachtete einen Garten. Herr Brenner trat einem Chor bei. Der Vater der Zwillinge baute mit ihnen ein Teleskop. Und jeden ersten Dienstag im Monat aßen alle in der Waschküche zusammen.
Manchmal verwandelte sich dennoch ein Zimmer. Das Haus war schließlich alt und kannte die Menschen gut. Wenn jemand einen Wunsch zu lange verschwieg, knarrten die Dielen bedeutungsvoll. Dann nahm Emil seinen Werkzeugkoffer, klopfte an die betreffende Tür und fragte: „Was fehlt Ihnen?“ Meistens war die Antwort etwas, das kein Schraubenschlüssel reparieren konnte. Aber inzwischen wusste Emil, dass man trotzdem bleiben konnte, bis es besser wurde.

