Eine alte Postkutsche fährt nachts durch einen Wald aus schwebenden Briefen

Die letzte Postkutsche nach Nirgendwo

Greta stellte seit dreißig Jahren Briefe zu. Sie kannte jede Klingel in ihrem Bezirk und wusste, welcher Hund nur bellte und welcher zusätzlich biss. Doch jeden Donnerstag lag in ihrem Sortierfach ein Umschlag ohne Briefmarke. Darauf stand: „An Herrn Niemand, Hinter dem letzten Hügel, Nirgendwo.“

Greta schickte ihn zurück. Am Freitag lag er wieder da. Sie meldete ihn der Zentrale. Am Montag fand sie zwei Exemplare. Nach einem Jahr füllten die Briefe einen ganzen Schrank.

In ihrer letzten Arbeitsnacht, kurz vor der Pensionierung, hörte Greta Hufschläge auf dem Hof. Dort wartete eine gelbe Postkutsche, altmodisch und glänzend sauber. Der Kutscher war ein Rabe mit roter Mütze. Er deutete auf den Briefschrank.

„Ich fahre nicht nach Nirgendwo“, sagte Greta.

„Dann werden die Briefe niemals ankommen“, antwortete der Rabe.

Also belud sie die Kutsche. Sie fuhren durch Straßen, die Greta kannte, dann über einen Feldweg und schließlich durch einen Wald, in dem die Bäume mit Briefmarken belaubt waren. Jeder ungeöffnete Brief flüsterte. Entschuldigungen, Liebeserklärungen, letzte Grüße – all die Sätze, die zu spät oder gar nicht abgeschickt worden waren.

Hinter dem letzten Hügel lag ein Dorf. Die Häuser hatten keine Nummern, die Bewohner keine Namen. Sie nannten einander „du“, „mein Freund“ oder „die Frau mit den guten Äpfeln“. Niemand besaß einen Briefkasten.

Auf dem Dorfplatz saß ein alter Mann. Greta übergab ihm den ersten Umschlag. Darin stand nur ein Satz: „Ich habe dich nicht vergessen.“ Der Mann weinte. Die übrigen Briefe gehörten ebenfalls ihm, jeder von einem anderen Menschen, jeder in einer anderen Handschrift. Manche waren Jahrzehnte alt.

„Warum heißen Sie Herr Niemand?“, fragte Greta.

„Weil ich glaubte, niemandem zu fehlen.“

Bis zum Morgen lasen sie gemeinsam. Einige Briefe enthielten Wut, andere Verzeihung. Nicht alle machten etwas gut. Aber jeder bewies, dass irgendwo ein Mensch an ihn gedacht hatte.

Als Greta in die Stadt zurückkehrte, war der Briefschrank leer. Der Rabe überreichte ihr zum Abschied eine neue Uniformmütze. Darauf stand „Sonderzustellung“.

Greta ging tatsächlich in Pension. Sie schlief lange, zog Tomaten und ignorierte den Wecker. Doch donnerstags stand manchmal die gelbe Kutsche vor ihrem Haus. Dann nahm sie Briefe mit, die keine gewöhnliche Post befördern konnte: an verschwundene Freunde, an das eigene jüngere Ich oder an jemanden, dessen Adresse nur im Herzen bekannt war.

Greta stellte nicht jeden Brief zu. Manche Menschen waren noch nicht bereit, ihn zu lesen. Sie bewahrte diese Umschläge sorgfältig auf. Denn eine gute Briefträgerin weiß: Auch Hoffnung braucht eine Adresse – und manchmal ein wenig Geduld.