Die Schnabelpfoten – Folge 02: Der Morgen, an dem alles begann – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 02: Der Morgen, an dem alles begann

Es war ein Dienstag. Nicht irgendein besonderer Dienstag – kein Feiertag, kein Geburtstag, kein Tag, an dem ein Sturm tobte oder ein Zirkus durch die Stadt zog. Ein ganz gewöhnlicher Dienstag. Dachten sie.

Die Sonne kroch langsam über das Dach des Hauses am Stadtrand, malte goldene Streifen auf den Holzboden im Wohnzimmer und ließ Staubkörnchen in der Luft tanzen. In der Küche blubberte die Kaffeemaschine, irgendwo quietschte eine Tür, und im Flur erklang das rhythmische Tapsen von Pfoten auf Dielen.

Lotte war bereits wach. Wie immer war sie die Erste. Mit geradem Rücken und aufmerksamem Blick saß sie am Fenster und beobachtete die Straße. Nicht weil sie musste – sondern weil es für sie zur Gewohnheit geworden war. Sie mochte es, die Welt zu begrüßen, bevor sie richtig losging.

Saphira betrat die Küche, gähnte laut, schlenderte zum Wasserhahn und nahm einen tiefen Schluck. „Irgendwas liegt heute in der Luft“, murmelte sie. „Kennst du das Gefühl? Als würde gleich etwas passieren.“ Lotte antwortete nicht sofort. Sie nickte nur leicht – ganz so, als hätte sie es auch gespürt.

Im Obergeschoss raschelte es plötzlich, gefolgt von einem leichten Plopp. „Tasse umgefallen“, rief Trixie von oben. „Aber nicht meine Schuld. Die Tasse stand im Weg.“ Basil sauste die Treppe herunter, sprang auf die Kommode und dann auf den Tisch. „ICH hab’s gehört! Ich hab’s gesehen! Also fast! Also na ja, vielleicht auch nicht! Aber WAS für ein Morgen!“ Er hüpfte wieder hinunter, schoss in die Speisekammer und kam mit einer halben Haselnuss im Maul zurück.

„Ihr seid heute alle sehr… lebendig“, krächzte es aus dem Bücherregal. Korax saß auf dem obersten Brett, die Flügel ordentlich zusammengefaltet, den Kopf leicht geneigt. „Vielleicht ein Tag, an dem man besser die Augen offenhält.“

Sie frühstückten gemeinsam, wie an jedem Tag. Basil mit Nüssen, Trixie mit warmer Milch, die Hunde mit Haferflocken und einem Hauch Leberwurst – und Korax bekam ein kleines Stück Apfelkuchen vom Vortag. Es war ruhig. Fast zu ruhig.

„Wo ist eigentlich Basil?“ Die Frage kam von Trixie. Und tatsächlich – der sonst so laute Wirbelwind war nicht zu sehen.

„Ist er noch oben?“ „War er überhaupt unten?“ „Vielleicht schläft er noch?“ „Basil schläft nie länger als ein Toast im Toaster – und das will was heißen“, brummte Saphira und stand auf.

Lotte erhob sich ebenfalls. „Ich sehe mal nach.“ Keine fünf Minuten später stand die ganze Clique im Dachzimmer. Das Fenster war offen, der Raum unordentlich – aber leer. Auf dem Regal lag ein Zettel. In Basils krakeliger Handschrift stand:

„Bin kurz weg. Muss was nachsehen. Komme zurück. Versprochen. – B.“

Saphira runzelte die Stirn. „Oh oh.“ „Wenn Basil ohne Frühstück geht, stimmt was nicht“, sagte Trixie. „Und wenn er einen Zettel hinterlässt, dann erst recht“, krächzte Korax.

Lotte trat ans Fenster und blickte in den blassblauen Morgenhimmel. „Wir gehen ihm nach. Noch ist es nur ein merkwürdiges Verschwinden. Aber manchmal… beginnt genau damit eine Geschichte, die größer wird, als man denkt.“

Spuren im Morgentau

Die Straße vor dem Haus glänzte noch feucht vom Tau der Nacht, als die vier verbliebenen Freunde das Gartentor hinter sich schlossen. Die Sonne schien zwar warm, doch über allem lag ein Hauch von Unruhe.

„Wenn Basil sich wirklich auf den Weg gemacht hat, dann hat er bestimmt Spuren hinterlassen“, sagte Saphira und senkte ihre Schnauze zum Boden.

Lotte nickte. „Sucht nach allem, was auffällt. Abgebrochene Grashalme, Pfotenabdrücke, irgendetwas, das hier nicht hingehört.“

Trixie bewegte sich lautlos über das Gras, ihre Nase leicht erhoben. „Da vorn – siehst du das? Eine Haselnussschale. Frisch angebissen.“

Lotte trat näher und sah den kleinen silbernen Knopf daneben. „Von seiner Tasche“, sagte sie leise. „Der ist ihm gestern Abend abgefallen. Und er hat gesagt, er würde ihn später wieder annähen.“

„Dann war er hier“, bestätigte Saphira. „Und wahrscheinlich sehr in Eile“, fügte Korax hinzu, der auf einem Ast über ihnen saß.

Die Spur führte über den alten Holzsteg hinter dem Haus. Er knarzte unter ihren Schritten, und auf der anderen Seite lag ein schattiger Grünstreifen, gesäumt von Brombeersträuchern.

„Dort“, sagte Trixie. „Da ist noch eine Spur – Nusskrümel, Papierfetzen… und ein kleiner Zettel.“

Korax glitt hinab, pickte vorsichtig danach und legte ihn vor Lotte ab. "Du bist auf dem richtigen Weg. Aber wer neugierig ist, muss manchmal tiefer graben."

„Das klingt nicht nach Basil“, murmelte Saphira.

„Es klingt wie eine Einladung. Oder eine Warnung“, sagte Trixie.

Lotte richtete sich auf. „Was auch immer hier passiert – wir finden ihn.“

Und während der Wind leise durch die Zweige fuhr, ahnten sie alle: Das war der Anfang von etwas Großem.