Im Antiquariat war es so still, dass man jedes Knacken des Holzbodens hörte. Staubpartikel tanzten im schräg einfallenden Licht, als hätte jemand eine Schneekugel geschüttelt. Frau Miezi legte die Zeitung zur Seite. Ihre Augen – graublau wie Nebel über einem See – blickten in die Runde.
„Wisst ihr, warum man mich Frau Miezi nennt?“ fragte sie.
Basil hob eine Pfote. „Weil du Miezi heißt?“
„Falsch“, krächzte Korax. „Es ist ein Spitzname. Wie bei alten Geheimnisträgern.“
„Beides stimmt nicht ganz“, sagte Frau Miezi mit einem Lächeln. „Miezi war der Name meiner Großmutter. Eine Katzenlady, aber keine gewöhnliche.“
Sie schloss kurz die Augen, als ob sie in einer anderen Zeit kramte.
„Meine Großmutter, Margareta Miezi, war Buchhändlerin, Uhrmacherin – und etwas anderes. Etwas… Unausgesprochenes. Sie lebte in dieser Stadt, als Bellhausen noch keine Laternen hatte. Als Nachrichten in Schachteln überbracht wurden. Und als eine fremde Macht versuchte, etwas zu verbergen, das nicht vergessen werden durfte.“
Trixie schnurrte leise. „Eine Verschwörung?“ „Eine Wahrheit“, korrigierte Frau Miezi. „Und sie beginnt mit einer Feder. Einer silbernen Feder.“
„Vor fast hundert Jahren“, begann sie, „wurde unter dem alten Glockenturm eine Höhle entdeckt. Von spielenden Kindern. Sie war nicht groß – aber tief. Und darin lag etwas, das nicht hierher gehörte: eine Feder, schimmernd wie Metall, vollkommen erhalten. Sie vibrierte, wenn man sie berührte. Sie wies in eine Richtung, wie eine Nadel. Und sie war heiß. Als hätte sie ein Herz.“
„War sie magisch?“ fragte Basil.
Frau Miezi lächelte. „Oder wissenschaftlich. Oder beides. Man weiß es bis heute nicht.“
„Und was geschah dann?“ fragte Saphira.
„Ein Forscher nahm sie an sich. Ein Rabe, sehr klug, sehr stolz. Sein Name war Professor Corvin. Er war überzeugt, dass die Feder Teil einer alten Maschine war. Vielleicht ein Schlüssel. Oder ein Steuergerät. Aber dann… verschwand er. Zusammen mit der Feder.“
Korax stieß ein kehliges Geräusch aus. „Verschwand?“
„Spurlos. Und mit ihm – viele Dokumente. Skizzen. Berichte. Alles, was auf die Feder hinwies. Nur eines blieb: ein Tagebuch, versteckt hinter einem doppelten Boden in einem Schrank. Es war… das erste Geheimnis, das meine Großmutter fand.“
„Und was hat das mit uns zu tun?“ fragte Lotte ruhig.
Frau Miezi beugte sich vor. Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.
„Jemand sucht die Feder erneut. Alte Spuren wurden verwischt. Aber ihr habt etwas gefunden, das man hätte längst vergessen sollen. Die Zettel. Die Hinweise. Sie führen zu ihr.“
„Also… gibt es eine Spur?“ Trixie klang misstrauisch.
„Vielleicht. Und vielleicht seid ihr selbst die letzte Hoffnung, dass die Geschichte nicht erneut im Dunkel verschwindet.“
„Was schlagen Sie vor?“ fragte Saphira.
Frau Miezi öffnete eine kleine Schublade in der Theke. Darin lag ein zerknitterter Stadtplan – handgezeichnet, mit verblasster Tinte und seltsamen Markierungen.
„Geht zu dieser Stelle hier“, sagte sie. „Ein altes Lagerhaus am Hafen. Dort lebte jemand, der Corvin kannte. Vielleicht ist etwas geblieben.“
Korax beugte sich über die Karte. „Ich kenne diesen Ort. Er steht leer. Seit Jahrzehnten.“
„Nicht leer“, sagte Frau Miezi. „Nur… ruhig.“
Lotte nahm die Karte. „Dann gehen wir dorthin. Heute Nacht.“

