Die Schnabelpfoten – Folge 05: Das Lagerhaus am Fluss – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 05: Das Lagerhaus am Fluss

Die Sonne war längst untergegangen, als sich die Schnabelpfoten auf den Weg machten. Bellhausen schlummerte in dunklen Blau- und Grautönen, nur unterbrochen vom gelblichen Flackern vereinzelter Straßenlaternen. Der Wind hatte aufgefrischt und trug den feuchten, metallischen Geruch des Flusses mit sich. Es roch nach Eisen, nach Regen – und nach Geheimnissen.

„Wir sollten nicht auffallen“, murmelte Trixie, während sie sich ihr seidiges Fell glatt strich. „Nachts schleichen ist das eine – aber wenn wir dabei auch noch klappern wie ein altes Besteck, wird das nichts.“

„Ich klappere nicht“, sagte Basil beleidigt.

„Aber du redest“, fauchte Trixie zurück.

„Ruhe“, sagte Lotte leise, aber mit Nachdruck.

Die Freunde verstummten. Sie wussten, wenn Lotte so sprach, war etwas Wichtiges im Gange. Der Weg führte sie durch eine Gasse, in der die Pflastersteine uneben und rissig waren. Immer wieder schauten sie sich um – nicht aus Angst, sondern aus Wachsamkeit.

Das Lagerhaus am Fluss war ein vergessener Ort. Keiner kam freiwillig hierher. Es war ein Relikt aus einer Zeit, in der Bellhausen ein Handelszentrum war – bevor die großen Laster kamen, bevor alles digital wurde, bevor die Geschichten leise wurden.

Schon von Weitem sah man das gewaltige Gebäude am Ufer. Es stand schief, wie ein alter Kapitän, der zu viele Stürme gesehen hatte. Seine Wände waren aus rissigem Backstein, mit dicken Eisenbeschlägen gesichert. Graffitis zogen sich über die unteren Mauern, viele davon längst verblasst.

„Gebr. Voss – Speicher 3“, las Korax vom verrosteten Schild über dem Haupteingang vor. „Seit Jahrzehnten geschlossen.“

„Sieht aus, als hätte seitdem auch niemand sauber gemacht“, murmelte Basil.

„Oder als würde hier jemand wohnen, der nicht gefunden werden will“, ergänzte Saphira. Ihre Stimme war ruhig, aber ihr Blick durchbohrte die Schatten.

Der Haupteingang war fest verriegelt. Metallplatten, schwere Ketten, dicke Vorhängeschlösser – nichts, was sich einfach mit Muskelkraft öffnen ließ. Also machten sie, was sie immer taten: improvisieren.

„Ich gehe rauf“, sagte Basil, der bereits an der Regenrinne hing. „Da oben ist ein kleines Fenster. Vielleicht kann ich durchschlüpfen.“

„Vorsicht“, warnte Lotte.

Es dauerte nicht lange, bis ein leises klack ertönte – und das Tor sich langsam öffnete. Die Schnabelpfoten schlüpften einer nach dem anderen hinein.

Innen war es kalt. Staub lag wie eine Decke über allem. Die Luft war trocken, aber schwer, als atmete man alte Zeitungen ein. Der Raum war riesig, von dicken Pfeilern durchzogen, mit Stapeln alter Holzkisten und verknotetem Tauwerk. Überall lagen Werkzeuge, rostige Nägel, verlassene Karren.

„Wer hier einmal gearbeitet hat“, flüsterte Korax, „hat nie daran gedacht, zurückzukommen.“

In der Mitte des Raumes entdeckten sie eine offene Fläche. Darauf: drei leere Regale, ein alter Schreibtisch mit abgeschlagenen Kanten und ein halb umgekippter Sessel. Daneben ein großer Käfig – leer, aber bedrohlich. Er war alt, verbeult und an mehreren Stellen aufgebrochen.

„Ich hasse leere Käfige“, murmelte Saphira.

„Vielleicht war er nie voll“, sagte Trixie. „Vielleicht war er… eine Drohung.“

„Oder ein Schutz“, überlegte Korax. „Vor dem, was draußen ist.“

Sie hielten kurz inne. Jeder von ihnen spürte es: Hier stimmte etwas nicht. Die Wände schienen zu lauschen, der Boden schien atmen zu wollen.

Dann entdeckte Lotte die Falltür.

„Hier“, sagte sie.

Eine schwere Klappe aus Metall, eingelassen in den Boden. Kein Griff, kein Schloss – nur ein tiefer, dunkler Spalt. Mit vereinten Kräften stemmten sie die Tür auf.

Eine Treppe führte hinab. Steil. Dunkel. Feucht.

„Wollen wir das wirklich?“ fragte Basil. Es klang nicht feige – nur ehrlich.

„Wir müssen“, antwortete Lotte. Und sie stieg als Erste hinab.

Der Keller war ein einziger Raum, aber groß – vielleicht so breit wie zwei Garagen, mit niedriger Decke und gemauerten Wänden. Überall standen Regale. Manche voller verstaubter Flaschen, andere leer. An der hinteren Wand: ein großer, aufgespannter Stadtplan. Davor: ein langer Tisch mit Papierstapeln, vergilbten Büchern und einem alten Plattenspieler, dessen Nadel zerbrochen war.

„Was ist das?“ fragte Saphira und trat näher.

Korax blätterte durch die Seiten. „Notizen. Beobachtungen. Namen. Manche durchgestrichen. Andere… eingerahmt.“

„Schau“, flüsterte Trixie.

In der Mitte des Tisches lag ein Pergament mit einem Kreissymbol – darin eingraviert: eine stilisierte Feder. Keine gewöhnliche, sondern eine mit drei Spitzen und einer Art Lichtstrahl in der Mitte.

„Das ist sie“, sagte Korax ehrfürchtig. „Die silberne Feder.“

Lotte nahm die Karte. „Und das hier?“ Sie zeigte auf einen eingezeichneten Punkt am Rand des Stadtplans. „Das ist nicht Bellhausen.“ „Doch“, sagte Trixie nach einem Moment. „Ein alter Teil. Der, der unter Wasser stand. Vor dem Bau der neuen Schleuse. Der… vergessen wurde.“

„Warum markiert man einen Ort, den es nicht mehr gibt?“ fragte Basil.

„Vielleicht, weil er noch da ist“, antwortete Korax. „Nur verborgen.“

Plötzlich ein Geräusch.

Ein Kratzen. Ein schleifender Schritt. Gerade in diesem Moment kam Basil aus einer dunklen Ecke gekrabbelt, in der er sich hinter einem Stapel alter Kisten versteckt hatte. „Ich wollte niemanden erschrecken“, murmelte er, „aber als ich die Falltür gesehen habe, bin ich lieber vorsichtig gewesen.“

Dann – ein Husten.

Alle Köpfe drehten sich gleichzeitig zur Kellertreppe.

Eine Gestalt trat aus dem Dunkel. Groß. Langsam. In einen Mantel gehüllt, mit einem Hut tief ins Gesicht gezogen. Zwei Augen blitzten unter dem Schirm hervor – müde, aber wachsam.

„Ihr habt das Zeichen gefunden“, sagte er. Seine Stimme war kratzig, fast brüchig. „Dann ist es soweit.“

„Wer… bist du?“ fragte Lotte vorsichtig.

Der Fremde trat näher. Jetzt erkannten sie: Es war ein Dachs. Alt. Graues Fell, ein zerschlissener Schal um den Hals. In seiner Pfote hielt er ein Notizbuch.

„Mein Name ist Brummhardt“, sagte er. „Ich habe auf euch gewartet.“