Die Schnabelpfoten – Folge 10: Die Kammer des Echos – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 10: Die Kammer des Echos

Die große Halle war von einer unnatürlichen Stille erfüllt. Nicht einmal das Tropfen von Wasser war zu hören. Nur das Atmen der Schnabelpfoten – leise, gespannt.

Das Wandbild mit der silbernen Feder wirkte frisch, fast leuchtend. Der Satz darunter – „Nur wer schweigt, wird gehört“ – schien mit ihnen zu sprechen.

„Was bedeutet das?“ fragte Basil und trat vorsichtig näher.

„Vielleicht ist es eine Prüfung“, murmelte Trixie. „Ein Rätsel. Oder eine Warnung.“

Korax betrachtete die Wände. Sie waren bedeckt mit Gravuren – Symbole, Worte, Kartenstücke. Und mitten in der Halle, auf einem Sockel: Ein steinernes Podest mit einer eingelassenen Mulde – in Form einer Feder.

„Das Fragment“, sagte Lotte. „Leg es hinein.“

Saphira holte das silberne Teilstück aus ihrem Beutel. Vorsichtig legte sie es in die Mulde. Einen Moment geschah nichts. Dann begann das Podest zu vibrieren.

Ein leiser Ton erhob sich – wie das Summen einer Saite, die keiner berührt hatte. Erst kaum hörbar, dann stärker. Es war kein Geräusch – es war ein Gefühl. Wie ein Gedanke, der sich in ihnen ausbreitete.

Ihr habt gehört, ohne zu sprechen. Gesehen, ohne zu urteilen. Ihr seid weiter als viele vor euch.

Das Licht im Raum veränderte sich. Eine der Wände begann zu leuchten – und öffnete sich lautlos. Dahinter: ein Gang, gefliest mit blauen Steinplatten, von Fackeln erhellt, die wie durch Magie entflammten.

„Der Weg geht weiter“, sagte Lotte leise.

Sie betraten den Gang. Die Wände waren voller Reliefs – Tiere mit Hüten, Schwertern, Schriftrollen. Geschichten, eingefroren in Stein.

„Das ist Geschichte“, sagte Korax ehrfürchtig. „Vergessene Geschichte.“

Am Ende des Ganges öffnete sich eine neue Kammer – rund, hoch, mit einer Kuppel aus Glas, durch die der Nebel von Bellhausen sichtbar war. In der Mitte: ein Brunnen, still, klar. Daneben: Ein Tisch. Darauf: Eine alte Truhe mit einem Zahlenschloss – und ein weiteres Fragment der Feder.

„Das ist zu einfach“, murmelte Trixie.

„Oder eine Falle“, sagte Saphira.

„Oder beides“, meinte Korax.

Sie traten näher. Auf dem Tisch lagen vier kleine Zettel. Auf jedem stand ein anderes Wort:

– Hoffnung – Wissen – Mut – Stille

„Was sollen wir damit tun?“ fragte Basil.

Lotte dachte einen Moment nach. Dann deutete sie auf das Schloss. „Vier Zahlen. Vielleicht sind die Worte die Reihenfolge.“

„Wie viele Buchstaben hat jedes?“ rechnete Trixie laut. „Hoffnung – 8, Wissen – 6, Mut – 3, Stille – 7.“

Korax nickte. „Die Reihenfolge steckt in dem Spruch: ‚Nur wer schweigt, wird gehört‘ – also Stille zuerst.“

Sie ordneten die Worte: Stille (7), Wissen (6), Hoffnung (8), Mut (3).

„7638“, flüsterte Basil.

Saphira tippte die Zahlen ein. Die Truhe klickte.

Langsam hob Lotte den Deckel.

Darin: Ein weiterer Hinweis. Ein Pergament mit einer Karte – darauf eingezeichnet: ein verborgenes Viertel von Bellhausen, jenseits des großen Kanals. Und daneben: das Emblem des Schattens – ein Kreis, durchzogen von einem Riss.

„Das ist sein Versteck“, sagte Korax.

„Dann wissen wir, wohin wir als Nächstes müssen“, flüsterte Trixie.

Doch bevor sie die Karte zusammenrollen konnten, hörten sie Schritte.

Nicht ihre eigenen. Nicht die eines Tieres.

Etwas – oder jemand – kam.

Und diesmal wollte der Schatten nicht nur zuschauen.