Die Schnabelpfoten – Folge 13: Die Halle der Flüsternden Masken – Titelbild

Die Schnabelpfoten – Folge 13: Die Halle der Flüsternden Masken

Der Weg führte tiefer, viel tiefer, als sie es je erwartet hätten. Stufe um Stufe hinab in das vergessene Fundament der Stadt – dorthin, wo kein Licht mehr hingelangte und selbst die Karte in Trixies Pfoten nur noch schwach glühte. Der Geruch von feuchtem Stein, altem Metall und etwas, das Basil nur als „eingeschlossene Zeit“ beschreiben konnte, legte sich wie ein Mantel um sie.

„Es wird kälter“, bemerkte Saphira und schüttelte sich leicht. Ihre Stimme hallte in der engen Wendeltreppe seltsam nach.

„Nicht nur kälter“, murmelte Korax. „Es wird… leiser.“

Tatsächlich: Selbst das Trappeln ihrer Pfoten schien gedämpft. Kein Tropfen, kein Echo – nur Stille. Und dann, ganz plötzlich, öffnete sich vor ihnen ein gewaltiger Raum.

Die Halle war rund, ihre Decke verlor sich in der Dunkelheit. Wände aus dunklem Obsidian zogen sich empor, durchzogen von goldenen Linien, die sich bewegten wie Blutbahnen. An den Wänden: Masken. Hunderte, vielleicht Tausende. Jede anders. Jede aus einem anderen Material – Knochen, Glas, Holz, Silber, Asche. Manche zeigten lachende Gesichter, andere verzerrte Fratzen, wieder andere schienen zu weinen.

In die Wand war eine Inschrift gemeißelt – alt, beinahe verwittert: „Dreizehn Stufen – Dreizehn Schatten – Wer sieht, wird gesehen.“

„Was… ist das hier?“ flüsterte Trixie, obwohl niemand laut gesprochen hatte.

„Die Halle der Flüsternden Masken“, antwortete eine Stimme. Nicht eine der Freunde. Sie kam von überall und nirgendwo zugleich. Und sie war alt. So alt, dass selbst Korax einen Schritt zurückwich.

„Wer war das?!“ rief Saphira und stellte sich schützend vor Basil.

Doch da bewegten sich die Masken.

Nicht die Wand. Nur die Masken. Jede drehte sich langsam. Und aus jeder kam ein Flüstern. Kein Wort war deutlich – nur Hauch, Stöhnen, Seufzen, Lachen. Manche klangen wie Kinder, andere wie uralte Wesen. Manche Stimmen sprachen in Sprachen, die sie nicht kannten. Andere flüsterten Namen, die ihnen vertraut vorkamen – zu vertraut.

Basil wich zurück. „Ich glaub, eine von denen hat meinen Namen gesagt…“

Trixie spähte mit verengten Augen durch den schwankenden Lichtschein. „Die Masken beobachten uns… Ich spüre es.“

Lotte atmete tief durch. „Bleibt zusammen. Keiner geht allein.“

Ein Gang öffnete sich an der gegenüberliegenden Seite. Als wäre er nur für sie gedacht. Doch bevor sie ihn betreten konnten, senkte sich etwas Dunkles aus der Decke – nicht der Schatten selbst, aber ein Splitter von ihm. Wie eine schwarze Spinne, groß wie ein Hund, mit leuchtend roten Linien.

„Achtung!“ rief Korax, doch es war zu spät.

Die Spinne stieß herab – direkt auf Trixie. Saphira warf sich dazwischen. Ihre Schulter wurde getroffen, aufgerissen von einem der messerscharfen Beine. Sie jaulte auf, taumelte zurück. Blut tropfte auf den Boden. Es rauchte leicht, als es den Boden berührte.

„Saphira!“ rief Basil entsetzt.

Trixie fauchte und warf eine Rauchbombe aus ihrem Gürtel – der Raum füllte sich mit Dunst. Lotte packte Saphira und zog sie hinter eine steinerne Säule. Korax schleppte Basil in Deckung.

„Ich… ich bin okay“, keuchte Saphira. „Nur ein Kratzer.“

Aber es war mehr. Der Riss in ihrer Schulter blutete stark. Ihre Atmung ging schwer. Ihr Blick flackerte kurz.

„Wir müssen hier weg“, sagte Trixie. „Schnell.“

„Die Spinne ist noch da“, flüsterte Basil. „Ich kann sie hören.“

Tatsächlich – ein Klackern auf Stein. Immer wieder. Schneller. Näher. Es hörte sich an wie acht spitze Nadeln, die auf trockenes Holz trafen. Dazu kam ein beständiges Wispern – als würde die Spinne selbst in der Sprache der Masken sprechen.

Lotte trat hervor, ein altes Eisenstück in der Pfote. „Los. Ich lenke sie ab.“ „Nein“, rief Basil. „Da lang!“ Er deutete auf eine der Masken – eine aus rotem Glas, die plötzlich hell aufleuchtete.

„Sie zeigt uns den Weg!“ rief Korax. „Folgt ihr!“

Sie rannten. Die rote Maske glühte und führte sie durch den dunklen Gang. Hinter ihnen schrie die Spinne – diesmal mit einer Stimme, die keiner von ihnen je wieder vergessen würde:

„Ihr könnt euch nicht verstecken… Nicht vor euch selbst…“

Der Gang wurde enger, kurviger. Plötzlich standen sie vor einer Tür – mit fünf Schlössern.

„Ich hab Werkzeug!“ keuchte Basil. „Gebt mir zehn Sekunden.“

Tatsächlich – einer nach dem anderen klickte auf. Währenddessen hörten sie das Kratzen, die Krallen, die dichter kamen. Es roch nach altem Rauch, Eisenstaub und Angst.

„Schnell, Basil!“ rief Lotte.

„Noch eins…“

Ein Schatten warf sich um die Ecke. Es war schon so nah, dass sie den Geruch von verbranntem Staub und Moder wahrnehmen konnten.

Das letzte Schloss sprang auf – sie stürmten hindurch. Die Tür fiel ins Schloss, gerade rechtzeitig. Doch das Klopfen auf der anderen Seite hörte nicht auf. Immer wieder. Dann – Stille. Aber keine beruhigende.

Sie befanden sich in einer Kammer – niedriger, aber warm. In der Mitte: Ein Sockel. Darauf: ein Spiegel.

„Was jetzt?“ fragte Saphira, schwer atmend. Sie hielt sich ihre Wunde, die nun in der Hitze zu pochen begann.

Trixie zog hastig einen Verband aus ihrer Tasche. „Das muss gereinigt werden. Ich… ich mach das.“ Sie tat es mit ruhiger Pfote, während die anderen den Raum betrachteten.

„Wir sehen hinein“, sagte Lotte. „Alle gemeinsam.“

Sie traten vor. Der Spiegel zeigte zuerst nur ihr Spiegelbild. Dann – langsam – veränderte es sich.

Fünf Tiere. Mit Masken.

Ihre eigenen Gesichter verzogen sich. Lottes Augen wurden leer, Saphiras Zähne spitz, Trixies Fell zottelig und ungepflegt, Basil wirkte gealtert, Korax war nur noch Schatten.

„Was bedeutet das?!“ rief Basil.

Korax sah ernst aus. „Es ist unsere Angst. Unsere Wahrheit. Der Spiegel zeigt, was der Schatten aus uns machen würde… wenn wir ihn ließen.“

Dann knackte es.

Der Spiegel zerbrach – in fünf Teile. Und unter ihm: eine silberne Kugel. Darin eingeschlossen: eine Stimme.

Sie flüsterte: „Bellhausen vergisst nicht. Bellhausen schläft. Und ihr habt es geweckt.“

Saphira lehnte sich schwer gegen eine Wand. Ihr Blick war klarer. „Das wird eine Narbe… aber ich bleib bei euch.“

Lotte legte ihr ruhig eine Pfote auf die Schulter. „Du bist mutiger als jeder von uns.“